[Gelesen] Lily King: „Euphoria“

Euphoria
Wenn sich Westler zu weit von der ihnen bekannten „zivilisierten“ Welt fort wagen, nimmt das zumindest in Film und Literatur meist kein gutes Ende. Man denke da etwa nur an „Mosquito Coast“, den mit Harrison Ford in der Hauptrolle verfilmten Roman von Paul Theroux, an dessen Ende dem Protagonisten der Traum von einem autarken Leben im Urwald buchstäblich um die Ohren fliegt, oder an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“, an dessen Set sich Klaus Kinski ähnlich exzentrisch verhielt wie die von ihm dargestellte Hauptfigur. Auch August Engelhardt, dessen Lebensgeschichte unter anderem in Christian Krachts „Imperium“ aufgegriffen wurde, starb gequält von Wahnsinn und Mangelernährung, bevor er sein Ideal einer neuen Gesellschaft auf einer abgelegenen Südseeinsel verwirklichen konnte.

Ganz so wild geht es in „Euphoria“, dem aktellen Roman der Amerikanerin Lily King, nicht zu — vielmehr spielt sich ein großer Teil der von einer Episode aus dem Leben der berühmten Anthropologin Margaret Mead inspirierten Geschichte unter der Oberfläche und in den leisen Zwischentönen ab. Anfang der 30er Jahre treffen die jungen Anthropologen Nell Stone, ihr Ehemann Fen und ihr britischer Kollege Andrew Bankson auf einem Weihnachtsdinner in einem Posten in Neuguinea aufeinander, wo sie in umliegenden Dörfern diverse Naturvölker erforschen. Zwischen Nell, trotz ihres jungen Alters bereits eine erfolgreiche und angesehene Vertreterin ihrer Zunft, und dem ruhigen, grüblerischen Bankson, den es eigentlich nur ans Ende der Welt gezogen hat, um weit von seiner herrischen Mutter weg zu sein und der Trauer um seine früh verstorbenen älteren Brüder zu entfliehen, entwickelt sich sofort eine gewisse Anziehungskraft. Auch Fen, ein draufgängerischer und handfester Australier, der seiner Frau ihre Erfolge neidet, nimmt diese Anziehung wahr, ist aber ebenfalls fasziniert von Bankson. Das komplizierte Dreiecksverhältnis hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die gemeinsame Forschung zum (fiktiven, aber ebenfalls von wirklich existierenden Naturvölkern inspirierten) Stamm der Tan, die zunehmend von Fens Einzelgängerei und Geheimniskrämerei belastet wird. Ohne große Knalleffekte, aber dennoch immer deutlicher wahrnehmbar, steuert die Situation schließlich auf eine Katastrophe zu.

Ruhig und subtil beschreibt Lily King auf knappen 260 Seiten abwechselnd aus der Sicht Banksons und Nells Tagebucheinträgen das verhängnisvolle Verhältnis des ungleichen Trios. Vermutlich hätte die Geschichte irgendwo in Europa oder Amerika ein viel harmloseres Ende gefunden, aber die zusehends belastende Abgeschiedenheit und Einsamkeit im tiefsten Urwald sowie die immer stärker werdenden Zweifel am Sinn und Zweck der eigenen Forschung wirken wie ein Brennglas, das den Konflikt zusätzlich anfacht. Dementsprechend nimmt das Buch in seinem Verlauf immer mehr Fahrt auf, so dass man es nach dem eher unspektakulären Beginn gegen Ende kaum noch aus der Hand legen kann.

— Lily King: „Euphoria“ (deutsch von Sabine Roth) ist bei C.H. Beck erschienen, hat 262 Seiten und kostet 19,95 Euro. Die oben abgebildete Version mit der wunderbaren Umschlaggestaltung von Annika Siems ist bei der Büchergilde Gutenberg für 17,95 Euro erhältlich. —

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3 Kommentare zu „[Gelesen] Lily King: „Euphoria“

  1. Ich fand die reguläre Ausgabe ja schon schön, aber das Cover ist echt toll! Davon abgesehen auch inhaltlich sehr zu empfehlen!

    1. Die Büchergilde-Cover sind ja öfter mal Geschmackssache, aber das hier ist wirklich sehr gut gelungen. Es schillert sogar ein wenig.

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