Sigge Eklund — Das Labyrinth

Eklund

Die elf Jahre alte Magda ist spurlos verschwunden — womöglich entführt aus dem Haus ihrer Familie in Stockholm, während sich die Eltern nur hundert Meter weiter in einem Restaurant aufhielten. Eine Ausgangssituation, wie man sie aus Dutzenden Krimis und Thrillern kennt, aber in „Das Labyrinth“ werden nun eben keine Ermittler gleich welcher Couleur aktiv und auch skrupellose Serienmörder, drastische Gewaltszenen und immer weitere Opfer sucht man (zum Glück) vergebens. Abgründe tun sich in Sigge Eklunds Roman aber dennoch auf, wobei das verschwundene Mädchen nur der Aufhänger ist, an dem die Fäden der eigentlichen Handlung angebracht sind.

Erzählt ist „Das Labyrinth“ wechselnd aus der Perspektive von vier Personen, die in einer mehr oder weniger engen Beziehung zu Magda stehen und denen wir zu verschiedenen Zeitpunkten begegnen. Da sind zum einen Martin und Åsa Holm, die Eltern des Mädchens, für die die vermeintliche Entführung der Tochter nur einen weiteren Tiefpunkt in ihrer seit langer Zeit zerrütteten Ehe darstellt. Nach Außen hin ein modernes Paar aus der gehobenen Mittelschicht, brodelt es im Inneren gewaltig. Die Liebe der beiden zueinander ist längst erkaltet, der Umgangston kühl bis bissig und Magda, eine verschlossene Einzelgängerin, kaum mehr als das fünfte Rad am Wagen, zu dem die Eltern keinen rechten Bezug haben. Während Åsa, eine analytisch-unterkühlte Psychotherapeutin, die Gründe für das Verschwinden ihrer Tochter bei sich selbst bzw. Fehlern in ihrer Arbeitsweise sucht, sind für den labilen Martin die Anschuldigungen der Polizei, er selbst könnte seiner Tochter etwas angetan haben, ein weiterer schwerer Schlag. Obwohl er als Programmleiter bei einem großen Verlag eine durchaus ansehnliche Karriere hingelegt hat, fühlt er sich als minderwertiger Verlierer. Die Fußstapfen seines ebenfalls in der Verlagsbranche beschäftigten Vaters waren ihm schon immer zu groß, seine literarischen Ambitionen liegen auf Eis, den Tod des geliebten älteren Bruders hat er auch nach Jahrzehnten nicht verwunden und die eigene Familie ist ihm fremd. Außerdem zu Wort kommen Tom, ein junger Lektor, den Martin in den Verlag geholt hat, und Katja, Toms Exfreundin, der als Schulkrankenschwester seltsame blaue Flecken an Magdas Armen und Rücken auffallen und deren Gedichtband von Martins Verlag recht harsch abgelehnt wurde.

Seine Spannung bezieht Sigge Eklunds Roman tatsächlich weniger aus der Suche nach Magda bzw. der Aufklärung dessen, was mit dem Mädchen passiert ist (was ja, wie bereits erwähnt, nur eine eher untergeordnete Rolle spielt), sondern vielmehr aus den Rückschlüssen, die man selbst beim Lesen über die beteiligten Personen zieht. Schnell ertappt man sich dabei, dass man banale Dinge dazu benutzt, um daraus Verdächtigungen gegen die jeweiligen Charaktere abzuleiten. Warum sollte Martin zum Beispiel nicht als Mörder seiner Tochter in Frage kommen, wo er sich doch immerhin durch ein sprunghaftes Wesen und plötzliche Ausbrüche von Jähzorn auszeichnet? Oder etwa Tom: Könnte hinter seiner Anteilnahme an Magdas Verschwinden und der allzu großen Bewunderung für seinen Chef nicht auch mehr als die pure Dankbarkeit dafür stecken, dass ihm Martin in einer schwierigen Lebenslage eine Chance gegeben hat? Wenig anders verhält es sich mit den beiden Frauen: Hat Katja womöglich einfach die Ablehnung nicht verkraftet und sich am vermeintlich Schuldigen für ihr Scheitern als Lyrikerin gerächt? Und dass Åsa den plötzlichen Verlust ihrer Tochter so ungerührt hinnimmt, kann doch eigentlich auch nur ein Hinweis auf ihre Schuld sein…

Am Ende gibt es nach einigen Wendungen dann doch noch eine Auflösung, mit der man zufrieden sein kann oder nicht und die man schlüssig oder auch etwas konstruiert finden kann. Selbst wenn Letzteres der Fall sein sollte, liest man „Das Labyrinth“ insgesamt doch mit Gewinn: Die Figurenzeichnung ist Sigge Eklund, der viele Dinge eher andeutet als direkt ausspricht, sehr gut gelungen und das Vorherrschen der leisen Töne sowie die Konzentraion auf zwischenmenschliche Beziehungen heben das Buch positiv von der Masse der sonstigen Spannungsliteratur ab.


Sigge Eklund: Das Labyrinth // Deutsch von Nina Hoyer, DuMont Buchverlag, ISBN 978-3-8321-6367-9, 384 Seiten, € 9,99.

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