Aktuelle Lektüre: „Gehe hin, stelle einen Wächter“

Es gibt Bücher, vor denen man einen gewissen Respekt hat und deshalb zögert, sie in die Hand zu nehmen, geschweige denn, sie tatsächlich auch zu lesen. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht, weil ein Roman — bestes Beispiel ist da wohl „Ulysses“ von James Joyce — in der allgemeinen Wahrnehmung als sperrig oder gar qualvoll zu lesen gilt. Eventuell schreckt man aber auch davor zurück, ein altes Lieblingsbuch nach Jahren noch einmal zu lesen aus Angst, es könnte einem nun nicht mehr allzu gut gefallen oder sich am Ende gar als Enttäuschung herausstellen. Und welche Enttäuschung wiegt schwerer als die Erkenntnis, sich in seiner Liebe getäuscht zu haben?

Harper Lee

Ein Buch, das ich längere Zeit überhaupt nicht lesen wollte, ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“ von Harper Lee. Und zwar, obwohl — nein, gerade weil — „Wer die Nachtigall stört“, der über Jahrzehnte einzige jemals veröffentlichte Roman der im Februar dieses Jahres verstorbenen Amerikanerin, eines meiner heißgeliebten Lieblingsbücher ist (und zwar auch nach mehrmaliger Lektüre). Schon die Umstände, die dazu führten, dass das Buch überhaupt „entdeckt“ und zur Veröffentlichung freigegeben wurde, wurden heiß diskutiert und machten nicht zuletzt den Eindruck, dass angesichts des doch recht hinfälligen Gesundheitszustandes der Autorin und dem nicht lange zurückliegenden Tod von Alice Lee, die streng über das Werk ihrer jüngeren Schwester wachte, die Gunst der Stunde genutzt wurde, um mit einem prominenten Namen und einer „literarischen Sensation“ jede Menge Geld zu verdienen. Nicht gerade die beste Ausgangssituation, den „Wächter“ mit offenen Armen zu empfangen.

Noch deutlich schwerer machte es mir allerdings die kurz vor dem offiziellen Erscheinen des Buches überall zu lesende Entdeckung, dass der wunderbare, gebildete und aufrechte Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“, in „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ein verbohrter Rassist sei. Der tugendhafte Atticus Finch, der sich nie von spontanen Emotionen leiten lässt, sondern immer klug abwägt, der eine klare und gefestigte Meinung vertritt, aber auch diejenigen nicht verteufelt, die anders denken — kurz: eine der der wunderbarsten Figuren der Literaturgeschichte, von deren Schlage es auch im realen Leben gerade in unseren Zeiten mehr Menschen geben sollte. Wollte ich diese vorbildhafte Figur wirklich in einem ganz anderen Licht sehen? Eigentlich nicht.

Aber andererseits: Es ist doch „nur“ eine fiktive Figur aus einer fiktiven Geschichte und die Welt geht auch nicht davon unter, wenn mir „Gehe hin, stelle einen Wächter“ überhaupt nicht gefällt. Deshalb lese ich den Roman jetzt einfach mal. Auf gehts!


Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter // Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, DVA Belletristik, ISBN 978-3-421-04719-9, 320 Seiten, € 19,99. Auf dem Foto oben abgebildet ist die Version des Romans aus der Büchergilde Gutenberg, erhältlich für € 18,95.

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