Der alternde Sherlock Holmes und seine junge Assistentin

King

Spätestens seit dem riesigen Erfolg der BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman hat fast alles Hochkonjunktur, was in irgendeiner Form mit Sherlock Holmes zu tun hat. Umso erstaunlicher erscheint es vor diesem Hintergrund, dass die Holmes-Reihe der Amerikanerin Laurie R. King, deren 14 Bände (der aktuellste, „The Murder of Mary Russell“, erschien dieses Frühjahr) sich im englischsprachigen Raum seit gut 20 Jahren großer Beliebtheit erfreuen, bei uns keinen rechten Anklang finden will. Der Rowohlt Verlag veröffentlichte zwar einst die ersten vier Bücher der Serie in deutscher Übersetzung, doch seit geraumer Zeit sind auch diese Romane nur noch antiquarisch erhältlich.

Ein Jammer eigentlich, denn schon „Die Gehilfin des Bienenzüchters“, der erste Band, ist ein sehr gelungener, charmanter Pastiche, der stilistisch und vom gesamten Tonfall her ziemlich nahe an die Originale von Sir Arthur Conan Doyle herankommt. Zeitlich sind die Romane von Laurie R. King etwas später angesiedelt als die Werke Doyles und sowohl die Baker Street 221b als auch Dr. Watson (der allerdings weiterhin ein gern gesehener Gast ist) sind passé. Sherlock Holmes, zu Beginn der Handlung im Jahr 1915 Mitte Fünfzig, hat sich — begleitet von seiner treuen Haushälterin Mrs. Hudson — in ein Anwesen im ländlichen Sussex zurückgezogen, wo er sich in erster Linie der Bienenzucht und der wissenschaftlichen Erforschung der Insekten widmet. Während dieser Tätigkeit lernt er die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Mary Russell kennen, ein ebenso neugieriges wie altkluges Mädchen, das es mit dem scharfen Intellekt Holmes‘ locker aufnehmen kann. Fortan fungiert Mary, die schnell bei Sherlock Holmes in die Lehre geht, als Erzählerin der Geschehnisse und quasi als „Ersatz-Watson“ (Laurie R. King, die im Vorwort augenzwinkernd betont, sie sei gar nicht die Autorin dieser Geschichten, sondern hätte nur zufällig die Aufzeichnungen der Mary Russell gefunden und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, schlüpft demnach in die Rolle Arthur Conan Doyles). Diese Idee geht wunderbar auf, denn zum einen ist Mary allein wegen ihres Geschlechts und ihres Alters ein starker Gegenpart zu Holmes, zum anderen ist sie eine deutlich eigenständigere Figur als der zuweilen etwas arg tapsige Dr. Watson.

Von der eigentlichen Handlung soll an dieser Stelle gar nicht allzu viel verraten werden — nur so viel: Das Kennenlernen von Mary und Holmes und die ersten Jahre der ungewöhnlichen Freundschaft nehmen eine recht zentrale Stellung in „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ ein. So sind bis zum zentralen Fall des Romans nicht nur drei Jahre — Mary ist zu diesem Zeitpunkt bereits volljährig und Studentin in Oxford –, sondern auch gut 200 Seiten verstrichen. Etwas straffer hätte die Geschichte also durchaus ausfallen dürfen, aber auch da ist Laurie R. King ganz nah am Vorbild, kommen doch zumindest die „echten“ Holmes-Romane ebenfalls nicht ganz ohne ein paar Längen aus. Freundinnen und Freunde von Sherlock Holmes kommen hier jedenfalls trotz dieser kleinen Schwäche auf jeden Fall auf ihre Kosten, zumal Mary Russell eine Figur ist, die man schnell ins Herz schließt und der ältere Sherlock Holmes ein wenig milder und nahbarer wirkt.

Es lohnt sich also, in Antiquariaten nach den deutschen Übersetzungen (der hier vorgestellte Roman wurde von Eva Malsch ins Deutsche übertragen) zu stöbern oder gleich auf die englischsprachigen Originale zurückzugreifen.

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