Im Juli gelesen

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Man kann bekanntlich nicht raus aus seiner Haut — aber zumindest probieren kann man es ja mal. So wie der frischgebackene Nicolas-Born-Preisträger Joachim Meyerhoff in „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (Kiepenheuer & Witsch), dem ersten Teil seiner autobiographisch geprägten Romantrilogie. Während eines Austauschjahres in den USA möchte sich der heutige Schauspieler und Theaterregisseur Mitte der 80er Jahre vom unscheinbaren Teenager und eher schwachen Schüler aus der norddeutschen Provinz zum gefeierten High-School-Basketballstar und Mädchenschwarm wandeln. Selbstredend gelingt ihm das eher mäßig, weil unter anderem mangelndes Basketballtalent, Nasenbluten wegen der ungewohnten Höhenlage seines neuen Wohnortes Laramie im US-Bundesstaat Wyoming und eine familiäre Tragödie dazwischenkommen. All das beschreibt Joachim Meyerhoff so einfühlsam, humorvoll und kurzweilig, dass man sofort danach die beiden anderen Bände seiner Memoiren, „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ und „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ebenfalls lesen möchte.

Sein altes Ich hat auch Sherlock Holmes nicht ganz abgelegt, als er im Jahr 1915 als Ruheständler und Bienenzüchter im ländlichen Sussex lebt. Dass in ihm immer noch der alte Meisterdetektiv schlummert, muss seine junge Assistentin Mary Russell, ein altkluges Waisenmädchen mit scharfem Verstand, am eigenen Leib erfahren, als sie sich zusammen mit Holmes im Auftakt zu Laurie R. Kings hierzulande nie so recht gewürdigten Krimireihe mit einem verzwickten und lebensgefährlichen Fall konfrontiert sieht. Mehr über „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ (Rowohlt Verlag, antiquarisch erhältlich) lest Ihr hier.

Ganz und gar unfreiwillig nicht mehr ganz sie selbst sind die Menschen, die uns der Neurologe Oliver Sacks, dessen Todestag sich am 30. August zum ersten Mal jährt, in den 24 Fallstudien von „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (Rowohlt Verlag) vorstellt. Wir treffen auf Menschen, die auf einmal den Geruchssinn eines Hundes entwickeln, keine Gesichter mehr erkennen können, ihre eigenen Gliedmaße für die von Fremden halten oder seit einer halben Ewigkeit in einer Zeitschleife gefangen sind. Oliver Sacks betrachtet seine Patienten in seinen Beschreibungen zwar stets humorvoll und augenzwinkernd, aber immer mit viel Empathie und ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Obwohl sich die Forschung in den gut drei Jahrzehnten seit dem ersten Erscheinen des Buches rasant weiterentwickelt hat, ist es auch heute noch eine lohnende Lektüre, die uns lehrt, dass selbst kleinste Unregelmäßigkeiten und Verletzungen unser gewohntes Leben komplett aus der Bahn werfen können. Dankbarkeit für die eigene Gesundheit und das Bewusstsein, dass sich dieser Zustand auch schnell ändern kann — das sind wahrlich nicht die schlechtesten Dinge, die ein Buch bei seinen Leserinnen und Lesern wecken kann.

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