Caroline Eriksson: Die Vermissten

Bild: Penguin Verlag
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„Psychologische Spannung auf höchstem Niveau.“ — ”Ein würdiger Nachfolger von Gillian Flynns ’Gone Girl’.“ — „…eine der heißesten Spannungsautorinnen.“

Jede Menge Vorschusslorbeeren hat die Schwedin Caroline Eriksson für ihren Psychothriller „Die Vermissten“, der in nicht weniger als 25 Ländern erscheint, bereits eingeheimst und auch Vergleiche mit der oben genannten Gillian Flynn oder „Girl on the Train“, dem letztjährigen Erfolgsthriller von Paula Hawkins, ließen nicht lange auf sich warten. Bleibt die Frage, ob all die Aufregung letzten Endes nur heiße Luft ist oder ob „Die Vermissten“, übrigens eine der ersten Neuerscheinungen im deutschen Ableger des Penguin Verlags, tatsächlich das Zeug dazu hat, die Leserinnen und Leser in den letzten Sommerferienwochen kollektiv an die Liegestühle zu fesseln.

Ganz so eindeutig lässt sich diese Frage auch nach der Lektüre nicht beantworten, zumal das Buch diverse Stärken wie auch einige Schwächen aufweist. Aber von vorne: Während eines spätsommerlichen Bootsausfluges verschwinden Alex und Smilla, der Ehemann und die vierjährige Tochter der Ich-Erzählerin Greta, bei einem kurzen Landgang auf einer kleinen Insel spurlos. Als noch nicht einmal feststeht, ob die beiden über ihrem Spiel womöglich einfach die Zeit vergessen haben oder im morastigen Waldboden feststecken und Hilfe benötigen, ist sich Greta sicher, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Statt sich jedoch sofort an die Polizei zu wenden, reagiert sie hektisch, planlos und unvernünftig. Zunehmend verstrickt sich Greta durch ihre Handlungen und Aussagen in Widersprüche, so dass sich vor den Augen der Leserinnen und Leser ein Mosaik ausbreitet, das es nach und nach zusammenzusetzen gilt. Ob das Verschwinden von Alex und Smilla allerdings mit Gretas Vergangenheit, die voller Schatten und dunkler Geheimnisse steckt, zu tun hat, oder gar mit der Gruppe mysteriöser, dunkel gekleideter Jugendlicher, auf die die Protagonistin im Laufe der Geschichte trifft, soll hier natürlich nicht verraten werden.

DSCN8724Caroline Eriksson gelingt es trefflich, eine für skandinavische Thriller fast schon standesgemäße düstere und beklemmende Atmosphäre mit einem leichten Mystery-Touch heraufzubeschwören. Zudem ist Ich-Erzählerin Greta eine interessante, wenn auch nicht gerade fürchterlich sympathische Protagonistin, die ständig zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Wirklichkeit und Wahn hin- und herschwankt — ein Verwirrspiel, auf das man sich gerne einlässt. So liest sich „Die Vermissten“ zwar flott und kurzweilig, andererseits gelingt es dem Roman nur selten, seine Leserinnen und Leser vollends in den Bann zu schlagen. Dafür ist die Handlung, deren plötzliche Wendungen zumindest zum Teil recht vorhersehbar sind, stellenweise beinahe schon ein wenig zu verworren und konfus. Die Spannungskurve, die sich zu Beginn kontinuierlich aufbaut, flacht im Verlauf der gut 270 Seiten doch ein wenig ab und steigert sich erst zum leider etwas konstruiert wirkenden Schluss hin wieder. Thriller wie die bereits erwähnten „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“, die ebenfalls größtenteils von einer unzuverlässigen und wankelmütigen Ich-Erzählerin getragen werden, wirken da insgesamt etwas stimmiger und „runder“.

So bleibt am Ende ein etwas zwiespältiger Gesamteindruck: Ein paar spannende Lesestunden beschert einem „Die Vermissten“ zwar durchaus, aber das ganz große Highlight ist der Roman eben auch nicht.

Caroline Eriksson: „Die Vermissten“. Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Penguin Verlag; ISBN 978-3-328-10038-6; 272 Seiten; 13 Euro.

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