Ein Mann und seine Eule

Die Kombinationen „Frau und Habicht“ (Helen Macdonald: „H wie Habicht“) und „Frau und Schnecke“ (Elisabeth Tova Bailey: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“) haben in Buchform ja bereits blendend funktioniert, mit „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ ist nun auch die Paarung „Mann und Eule“ als Taschenbuchausgabe erhältlich. Beim Mann handelt es sich um Martin Windrow, die Eule ist die Waldkauzdame Mumble, die der britische Militärhistoriker und Autor knapp anderthalb Jahrzehnte lang zuerst in seiner kleinen Wohnung im siebten Stock eines Londoner Mietshauses und später in einer geräumigen Voliere im Garten seines Hauses im ländlichen Sussex hielt.

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Während die tierischen Begleiter in den beiden anderen genannten Büchern in einschneidenden Lebenssituationen zu ihren Besitzerinnen kamen und ihnen Halt und Beistand in einer schweren Situation gaben (bei Macdonald war es die Trauer nach dem Tod ihres geliebten Vaters, bei Tova Bailey eine rätselhafte, lebensbedrohliche Erkrankung, die sie mehrere Jahre lang ans Bett fesselte), ist die Faszination Windrows für Eulen dem Zufall geschuldet und eher profan. Mitte der siebziger Jahre begeisterten ihn die Greifvögel auf der Farm seines Bruders und dessen Frau — allen voran die zahme Eule Wol — so nachhaltig, dass er sich selbst unbedingt ebenfalls einen Steinkauz anschaffen musste. Das recht mürrische, Wellington getaufte Tier und sein Besitzer wurden allerdings nie warm miteinander, so dass es wohl für keinen der Beteiligten ein Schaden war, als der nachtaktive Jäger in einem unbeobachteten Moment in die Freiheit entwischte. Ganz so schnell aufgeben wollte Windrow nach dieser Pleite allerdings nicht. Der zweite Versuch sollte mit besserer Vorbereitung und vor allem mit einer jungen, noch auf eine Person zu prägenden Eule erfolgen, nämlich eben jener damals nur wenige Wochen alten Mumble, deren plüschigem Charme der Autor von der ersten Sekunde an verfallen war:

Liebe auf den ersten Blick — wenn sie einen spät trifft, dann mit voller Wucht. Mich traf sie mit 34 Jahren, und ich sollte die nächsten fünfzehn Jahre von ihr erfüllt bleiben.

Darüber, ob es sinnvoll und erstrebenswert ist, ein Wildtier ohne Not in einer nicht gerade artgerechten Umgebung zu halten, kann man natürlich geteilter Meinung sein, aber man darf Martin Windrow wohl durchaus hehre Absichten unterstellen. Allein der Umstand, dass er erst viele Jahre nach Mumbles für ihn sehr schmerzhaften Tod wieder einen Blick in die alten Notizbücher werfen konnte, auf deren Einträgen „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ größtenteils basiert, spricht bereits Bände über die innige Beziehung der beiden ungleichen Partner. So ist es auch wirklich eine große Freude, Windrows liebevollen und mit trockenem britischen Humor gewürzten Erzählungen über seine Jahre mit Mumble, deren Entwicklung und die vielen Rituale, die die beiden pflegten, zu folgen.

Manchmal, so viele Jahre später, erscheint Mumble mir immer noch im Traum; und jedes Mal, wenn dies geschieht, überflutet mich eine Woge zärtlicher Dankbarkeit.

Ein wenig getrübt wird die Freude an der Lektüre allerdings durch die etwas eigenwillige und stellenweise zusammengeflickt wirkende Mischung aus Tagebucheinträgen, nachträglichen Erinnerungen und Erläuterungen sowie Wissenswertem über Eulen im Allgemeinen und Waldkäuze im Besonderen, die den Lesefluss dann und wann zum Stocken kommen lässt. Gerade die Passagen über Biologie, Evolution und Mythologie der Eulen sind zwar größtenteils interessant und lehrreich, lesen sich aber fast so trocken wie Lexikonartikel zu dem Thema.

So bleibt am Ende ein leicht zwiespältiger Eindruck zurück: Einerseits ist „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ ein sympathisches, charmantes und durchaus unterhaltsames Buch, andererseits erreicht es längst nicht die Brillanz von Helen Macdonalds „H wie Habicht“.

Martin Windrow: Die Eule die gern aus dem Wasserhahn trank. Deutsch von Sabine Hübner, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-30788-8, 320 Seiten, 10 Euro.

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2 Kommentare zu „Ein Mann und seine Eule

  1. Ich habe die Kombination Frau und Habicht mit Begeisterung gelesen und finde diesen Band herausragend. Deine Empfehlung wandert trotz Deiner Kritik am Ende auf meine Wunschliste, finde Mensch-Tier-Begegnungen allgemein sehr spannend, und verrückte Käuze sollte es einfach geben. Viele Grüße

    1. „H wie Habicht“ mochte ich auch sehr gerne — wahrscheinlich hat Martin Windrow gerade deswegen meine hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt. Viel Spaß aber auf jeden Fall beim Lesen!

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