Unterwegs mit Büchern

Die britischen Bibliotheken befinden sich seit einer Weile in einem beklagenswerten Zustand (mehr dazu zum Beispiel in diesem SZ-Artikel). Vor allem die kleinen Leih- und Fahrbüchereien in ländlichen, strukturschwachen Gegenden werden entweder kaputtgespart oder gleich ganz geschlossen, was sich nicht gerade positiv auf die Alphabetisierung der jungen Generation auswirkt. Auch dem Bücherbus aus „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse geht es an den Kragen, was die Ereignisse des Romans erst richtig in Gang setzt.

Whitehouse

Wie es sich für einen ordentlichen Roadtrip-Roman gehört, steht mit besagtem Bücherbus ein angemessen außergewöhnliches Gefährt bereit, das gefüllt ist mit mehr oder weniger problemgeplagten Außenseitern. Im Zentrum der Geschichte befindet sich der zwölf Jahre alte Bobby Nusku, der seit dem „Verschwinden“ seiner Mutter (später erfährt man, dass „Verschwinden“ eher euphemistisch zu verstehen ist) mit detektivischer Akribie ihren vermeintlichen Spuren folgt, keinen rechten Draht zu seinem Vater und dessen neuer Freundin hat und obendrein in der Schule schikaniert wird. Als sich schließlich auch noch sein einziger und bester Freund Sunny beim Versuch, sich in einen Cyborg zu verwandeln (!) schwer verletzt und wenig später mit seiner Familie wegzieht, bricht Bobbys Welt vollends zusammen. In Val, die mit der Arbeit als Putzfrau im Bücherbus sich selbst und ihre geistig behinderte Tochter Rosa halbwegs über Wasser hält, findet der Junge eine verständnisvolle Ersatzmutter. Als auch Val, die nach der Schließung der Fahrbibliothek um ihre berufliche Existenz fürchten muss, in eine ernsthafte Krise schlittert, stiehlt das ungleiche Trio, beseelt von der Lektüre unzähliger Bücher, in denen es ja auch immer irgendwie weitergeht, kurzerhand den Bücherbus und macht sich auf eine ungewisse Reise ohne festes Ziel. Auf dem Weg stößt noch der desillusionierte Ex-Soldat und Landsteicher Joe zu dem illustren Grüppchen — auch er hat natürlich einen außergewöhnlichen Lebenslauf mit einigen Geheimnissen und verfolgt seine ganz eigenen Interessen.

„In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben“, sagte sie. „Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest und dann wirst du das, was darin passiert, auch selbst erleben.“
„Das glaub ich nicht, dass ich Sachen erlebe, die in irgendwelchen Büchern stehen“, sagte er.
„Da irrst du dich aber“, antwortete sie. „Du hast es einfach noch nicht erkannt.“

Kein Zweifel: Die Geschichte, die der 1981 geborene Brite David Whitehouse hier erzählt, hat jede Menge Potenzial, aber ganz so herausragend ist der Roman am Ende leider dennoch nicht geraten. Teilweise ist das wohl dem Umstand geschuldet, dass sich die vielen Bücher, in deren Mittelpunkt schräge Figuren und abenteuerliche Roadtrips stehen, allesamt ein wenig ähneln und es dementsprechend schwer ist, noch etwas aufregend Neues hinzuzufügen. Andererseits wirkt „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ trotz aller guter Einfälle ein wenig unzusammenhängend. Die einzelnen Kapitel hängen zum Teil beinahe ein wenig in der Luft, ohne dass sich daraus ein großes Ganzes ergibt. Recht oberflächlich bleibt David Whitehouse leider auch bei der Beschreibung seiner Charaktere — das ist sehr schade, weil es doch einige Figuren gibt, von denen man gerne etwas mehr erfahren würde. Allein der im letzten Drittel auftauchende „Baron“ wäre interessant genug, um ihm einen eigenen Roman zu widmen.

So bleibt am Ende festzuhalten, dass „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ein unterhaltsam zu lesender Roman über die Magie von Freundschaft und guten Büchern ist, der seine vorhandenen Stärken und guten Ansätze leider nicht ganz ausspielt.

David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek.
Deutsch von Dorothee Merkel, Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-41884-4, 320 Seiten, 9,99 Euro.

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6 Kommentare zu „Unterwegs mit Büchern

  1. Für mich hat diese Baron-Geschichte das Buch völlig ruiniert. Bis dahin war es okay, nichts besonderes, aber ein ganz nettes, unterhaltsames Buch. Aber das hat mir echt den Rest gegeben 🙂

    1. 🙂
      Unbedingt gebraucht hätte es diese „Wendung“ meinetwegen auch nicht.

      Aber ein Mann, der sich aus Trauer um seine verstorbene Frau in einem alten Schloss einen Zoo mit exotischen Tieren anlegt — das ist schon eine recht spannende Geschichte, finde ich. Ich glaube, die hätte ich fast lieber gelesen als die, die im Buch erzählt wird.

      1. Beide Geschichten waren nicht schlecht, passten aber schlecht zusammen. So zumindest hab ich es in Erinnerung, es ist schon ein bisschen her….

  2. Schade, der Titel klingt so vielversprechend. Ich finde Bücher, die mit Büchern zu tun haben oder davon handeln immer schön. Vielleicht werde ich mal reinlesen, wenn es in der Bibliothek zu finden ist.

    1. Ja, ich mag solche Bücher auch gerne — deswegen hatte ich mich auf dieses sehr gefreut. Eine ganz so wichtige Rolle in der Geschichte spielt der Büchereibus aber gar nicht unbedingt — in einem Wohnmobil oder irgendeinem anderen großen Fahrzeug hätte sie genauso gut funktioniert.

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