Westliche Weisheiten

Bei einem Besuch in einer beliebigen, größeren Buchhandlung fällt auf, dass „fernöstliche Weisheiten“ in allen Variationen etliche Regalmeter füllen. Der Dalai Lama, Lao-Tse, Konfuzius und alles, was in die Schublade „chinesisches Sprichwort“ gesteckt werden kann, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Demgegenüber fällt ebenfalls auf, dass die Auswahl an Publikationen mit „westlichen Weisheiten“ nicht allzu atemberaubend ist, was allerdings sicher nicht daran liegt, dass die so genannte westliche Welt keine Geistesgrößen hervorgebracht hätte — im Gegenteil, denn immerhin sind das „alte“ Europa und der angloamerikanische Raum gerade in den Naturwissenschaften seit ein paar Jahrhunderten führend.

Und neben ihren bahnbrechenden Erkenntnissen haben die diversen Genies natürlich auch hin und wieder kluge Dinge gesagt, die sich wunderbar zitieren lassen. Zum Beispiel Werner von Siemens:

„Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden.“

oder Georg Christoph Lichtenberg:

„Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durchs Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.“

Diese und 48 weitere Weisheiten hat der renommierte Wissenschaftsautor und Universalgelehrte Ernst Peter Fischer in seinem Buch „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ (in leicht abgewandelter Form wird dieses Zitat Albert Einstein zugeschrieben) zusammengetragen. Eine schöne Idee, aber fürs Poesiealbum eignen sich die Kollegen aus Fernost doch irgendwie besser, weil ihre Zitate etwas griffiger daherkommen. Dass „griffiger“ nicht unbedingt „tiefsinniger“ bedeuten muss, zeigt Ernst Peter Fischer gleich in der Einführung zu diesem Buch, wenn er eine beliebte Weisheit des Dalai Lama („Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du schon weißt, wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwas neues erfahren.“) mit Hilfe Heinrich von Kleists als zumindest diskussionswürdig entlarvt.

Während „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ als bloße Aphorismen-Sammlung allerdings eher entbehrlich ist, glänzt das Buch auf einem ganz anderen Gebiet. Jeder Weisheit folgt nämlich eine kaum mehr als drei Seiten umfassende Kurzbiographie der jeweils zitierten Person. Ganz große Tiefe ist bei einem solch begrenzten Platz natürlich nicht zu erwarten, aber die Art und Weise, wie Ernst Peter Fischer Leben und Werk der Betreffenden charakterisiert und in einen größeren Zusammenhang einordnet, ist ebenso kenntnisreich wie unterhaltsam.

So ist „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ ein äußerst gelungenes, kluges Lesebuch, das man immer wieder gerne in die Hand nimmt und das dazu einlädt, sich intensiver mit hinreichend bekannten Größen wie Isaac Newton, Marie Curie und Charles Darwin auseinanderzusetzen oder andere, einer größeren Öffentlichkeit nicht ganz so geläufigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie James Clerk Maxwell, Barbara McClintock oder Jacques Monod eingehender kennenzulernen.


Ernst Peter Fischer: Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie.
Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-11111-5, 320 Seiten, 9 Euro.

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Ein Kommentar zu „Westliche Weisheiten

  1. Oh, es gibt schon genügend Werke, einfach mal mit dem Stichwort Aphorimus bewaffnet auf die Suche begeben.

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