Am Rande des Wahnsinns

978-3-498-03573-0Ein Autor in der Schaffenskrise zieht sich mit Frau und Kind an einen abgeschiedenen Ort zurück, findet dort aber keine Ruhe und Inspiration, sondern verfällt zunehmend dem Wahnsinn. Was sich nach einer äußerst knappen Zusammenfassung von Stephen Kings Klassiker „Shining“ anhört, ist hier jedoch die grobe Handlung von Daniel Kehlmanns jüngster Erzählung „Du hättest gehen sollen“, einem schnell zu lesenden, luftig gesetzten Büchlein von knapp 90 Seiten.

Mehr noch als Stephen King standen aber Edgar Allan Poe oder H.P. Lovecraft Pate für diese in die moderne Zeit versetzte klassische Schauergeschichte, die ihren Schrecken vor allem daraus bezieht, dass sie so vieles im Ungefähren lässt. Wie es sich für solche Geschichten gehört, beginnt auch „Du hättest gehen sollen“ sehr harmlos. Der namenlose Protagonist, der die Handlung in eher knappen Worten in Form von Tagebucheinträgen erzählt, kommt in der Vorweihnachtszeit mit seiner Ehefrau Susanna und der vierjährigen Tochter Esther in einem abgelegenen, aber sehr schicken Ferienhaus irgendwo in den Bergen an, wo er an einem Drehbuch arbeiten und sich nach getaner Arbeit mit der Familie erholen möchte. Das scheinbare Idyll wird zunächst höchstens durch Spannungen zwischen den beiden Ehepartnern getrübt. So mokiert sich die hoch gebildete Susanna, eine erfolgreiche Schauspielerin, die seit ihrem 40. Geburtstag unter einer Auftragsflaute leidet, allzu gerne über das Künstlergehabe ihres Mannes, dessen Drehbücher eher dem leichten Komödienfach zuzurechnen sind als dem anspruchsvollen Arthouse-Kino, während er einwendet, dass er mit Büchern wie „Allerbeste Freundin II“ immerhin fast im Alleingang die Raten fürs Eigenheim mit Garten abbezahlt. Textnachrichten eines fremden Mannes, die der Protagonist auf Susannas Handy entdeckt, bringen den Haussegen dann schließlich endgültig in Schieflage. Deutlich mehr leidet der Erzähler allerdings unter diversen mysteriösen Ereignissen: Mal begegnet ihm eine seltsame Frau in seinen Träumen, mal machen die wortkargen Dorfbewohner beim Einkauf merkwürdige Andeutungen über das Ferienhaus und mal sieht er beim Blick ins Fenster zwar das Spiegelbild des gesamten Raums, aber nicht sich selbst.

Wer Action und drastische Schockmomente erwartet, dürfte von „Du hättest gehen sollen“ ziemlich enttäuscht sein. Selbst, als die Situation am Ende eskaliert, belässt es Daniel Kehlmann nur bei Andeutungen. Gerade darin liegt aber die große Stärke der Erzählung: Der Protagonist ist ein unzuverlässiger Erzähler, dessen Version der Geschichte wir Leserinnen und Leser Glauben schenken können oder eben nicht. Egal, wie wir uns entscheiden, eine andere Perspektive als die zunehmend beunruhigenden Aufzeichnungen eines Mannes am Rande des Wahnsinns bekommen wir nicht geliefert, was viel Spielraum für allerlei Interpretationen lässt.

So gelungen diese feine, beklemmende Erzählung aber auch sein mag, macht sie doch wieder einmal deutlich, was fehlt: Ein neuer Roman von Daniel Kehlmann nämlich.

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen
Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-4980-3573-0, 96 Seiten, 15 Euro.

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