{Buch} Das Nest

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Foto: Buchbube

Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven. Auf manch einen mag dieses alte Kalendersprüchlein zwar zutreffen, aber die Geschwister Plumb gehören eher nicht zu diesem Personenkreis. Immerhin haben sich die vier Schwestern und Brüder bei allen größeren finanziellen Entscheidungen ihres Lebens stets felsenfest auf „Das Nest“ verlassen, einen Fonds, den der inzwischen verstorbene Vater ursprünglich als kleine Sicherheit für seine Kinder angelegt hat, der aber dank einer klugen Investmentstrategie über die Zeit auf einen siebenstelligen Betrag angewachsen ist. Stichtag für die Auszahlung des Fonds ist der demnächst bevorstehende 40. Geburtstag von Melody, der Jüngsten, die ihren Anteil bereits angelegt hat in ein viel zu teures Haus in einem Vorort von New York City und als echte Helikoptermutter plant, ihren Zwillingen Nora und Louisa eine vorzügliche Collegeausbildung zukommen zu lassen. Doch nicht nur sie, sondern auch ihre Geschwister haben das Geld aus dem „Nest“ bereits aufgebraucht, bevor es auf ihrem Konto eingetroffen ist: Jack leistet sich einen schlecht gehenden Antiquitätenladen, für dessen Verluste er ohne das Wissen seines Partners Walker eine Hypothek aufs gemeinsame Wochenendhäuschen aufgenommen hat, und Bea, einst als aufstrebende literarische Hoffnung gefeiert, werkelt seit 15 Jahren ohne große Fortschritte an ihrem Erstlingswerk.

An dieser Stelle könnte der Debütroman der Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney bereits zu Ende sein: Der Fonds wird ausbezahlt, alle begleichen ihre Schulden und sind zufrieden. So einfach ist es dann aber natürlich doch nicht (abgesehen davon würde diese extrem dünne Story keinen Roman von gut 400 Seiten tragen), denn Leo, der vierte im Bunde, einst Gründer einer erfolgreichen Entertainment-Website und für seinen rasanten, großspurigen Lebensstil bekannt, leistet sich einen ebenso folgenschweren wie kostspieligen Fehler, der Francie Plumb, die Mutter der Geschwister und bis zur Auszahlung die Verwalterin des „Nest“, dazu veranlasst, ihm mit einem Großteil des Ersparten aus der Patsche zu helfen. Ein feiner Zug, aber für die anderen Geschwister ein ziemlicher Schlag ins Gesicht, zumal der Fonds damit auf eine eher überschaubare Summe zusammengeschrumpft ist, die keinem so recht weiterhilft, was eine Kettenreaktion auslöst, die weit über finanzielle Aspekte hinausgeht.

„Das Nest“ ist ein unterhaltsam geschriebener und kurzweilig zu lesender Familienroman, der sich nicht nur damit begnügt, die Sorgen und Nöte der vier Protagonisten zu beleuchten, sondern auch zahlreiche Nebenfiguren und untergeordnete Handlungsstränge mit einbezieht, die von den Spätfolgen des 11. September über die in absurde Höhen gestiegenen Immobilienpreise in New York bis hin zu Teenagern, die ihre sexuelle Identität suchen und einer sich wandelnden Medien- und Verlagslandschaft eine beachtliche Bandbreite abdecken. Nur selten wirkt der Roman dadurch aber überladen, zumal sich am Ende alle Teile zu einem stimmigen, vielleicht etwas arg optimistischem Gesamtbild zusammenfügen. Ein wenig problematischer ist da schon der Umstand, dass der Roman von seiner ganzen Konstruktion und Dramaturgie her wie die Ausformulierung eines Drehbuchs anmutet — fast so, als hätte Cynthia D’Aprix Sweeney bereits beim Schreiben an eine mögliche Verfilmung gedacht. Etwas mehr Tiefe, vor allem bei der Figurenzeichnung, hätte sicher nicht geschadet, aber insgesamt ist „Das Nest“ ein lesenswertes, gelungenes Debüt. Und als Film könnte man sich die Geschichte wirklich ebenfalls sehr gut vorstellen…


Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest
Deutsch von Nicolai Schweder-Schreiner.
Klett-Cotta; ISBN 978-3-608-98000-4; 410 Seiten; € 19,95.

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