{Buch} Heute dreimal ins Polarmeer gefallen

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Dass Arthur Conan Doyle vor — beziehungsweise auch noch während — seines erfolgreichen Daseins als Schriftsteller als (Augen-) Arzt tätig war, ist ein Umstand, der hinlänglich bekannt sein dürfte. Dass er als junger Medizinstudent im Jahr 1880 allerdings mehrere Monate als Schiffsarzt auf einem Walfangschiff verbracht hat, ist ein Kapitel seines Lebenslaufs, der wohl nur Eingeweihten geläufig ist. Dass aber gerade diese Zeit prägend für das weitere Leben und Schreiben Conan Doyles war, zeigt „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“, das liebevoll aufgemachte, von Jon Lellenberg und Daniel Stashower herausgegebene und Alexander Pechmann gekonnt übersetzte Tagebuch dieser „arktischen Reise“.

Zu seinem Posten als Schiffsarzt auf dem Walfänger „SS Hope“ kam der zu Beginn der Reise gerade einmal 20 Jahre alte Arthur Conan Doyle wie die Jungfrau zum Kinde. Der eigentlich für diese Aufgabe Vorgesehene musste kurzfristig absagen und der stets neugierige und abenteuerlustige Conan Doyle sprang kurzerhand ein, ohne genau zu wissen, worauf er sich einließ. Dass er noch kein fertig ausgebildeter Arzt war, spielte keine größere Rolle, zumal seine Aufgaben als Schiffsarzt nur teilweise im medizinischen Bereich lagen und ansonsten unter anderem darin bestanden, Tätigkeiten eines Sekretärs zu übernehmen (neben seinem privaten Tagebuch führte er auch das „offizielle“ Logbuch der Reise) und dem Kapitän als gebildeter Gesprächspartner Gesellschaft zu leisten.

Dass sich der junge Conan Doyle auf dem Walfänger wunderbar einlebte, geht aus seinen äußerst lebhaften Tagebucheinträgen unzweifelhaft hervor. Neben seinen eigentlichen Aufgaben war er stets auch unter Deck bei den „einfachen“ Besatzungsmitgliedern zu finden, wo er bei Liederabenden ein gern gesehener Gast war oder sich als exzellenter Boxer hervortat. Seine Vielseitigkeit und Neugierde führten auch dazu, dass er sich aktiv an der Jagd beteiligte. Damit sich der Aufwand der vom schottischen Peterhead ausgehenden, nach Norden bis vor Spitzbergen und an der Ostküste Grönlands entlang zurückführenden Reise wirtschaftlich lohnte, mussten nicht nur Wale gejagt, sondern auch unzählige, vor allem wegen ihres Fells begehrte Robben getötet werden. Ein „blutiges Handwerk“, wie Arthur Conan Doyle bemerkt — und nicht zuletzt auch ein gefährliches, brachten ihn Stürze ins eiskalte Wasser doch mehrmals in Lebensgefahr.

Ging heute Morgen mit Colin nach draußen, um richtig hart zu arbeiten, begann aber mein Tagwerk, indem ich erneut ins Wasser fiel.

Fotos: Buchbube
Fotos: Buchbube

Neben den Erkenntnissen, die man bei der Lektüre des mit aufschlussreichen Fußnoten versehenen Tagebuchs (Auszüge aus dem Faksimile mit zahlreichen Zeichnungen sind ebenfalls im Buch enthalten) über das harte Leben auf einem Walfangschiff im späten 19. Jahrhundert gewinnt, liefert „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ auch spannende Einblicke in den weiteren Lebensweg des Arthur Conan Doyle und nicht zuletzt die Entstehung seiner bekanntesten Figur Sherlock Holmes. Angeblich lieferte die Begegnung mit einem anderen Schiffsarzt auf dieser arktischen Reise die Vorlage für die Figur des Dr. Watson und die im Tagebuch festgehaltene, von einem Kapitän erzählte Anekdote einer seltsamen Begebenheit in London liest sich wie die Blaupause einer Holmes-Geschichte. Die Reise mit der „SS Hope“ hat Conan Doyle zeitlebens — und auch in seinem Werk als Schriftsteller — nicht mehr losgelassen, wie der umfangreiche Anhang des Buches verdeutlicht. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die ebenfalls abgedruckte Holmes-Geschichte „Der Schwarze Peter“, in der der Meisterdetektiv den Mord am Kapitän eines Walfangschiffs zu lösen hat.

Dank der sorgfältigen und umfangreichen Aufmachung ist „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ eine äußerst gelungene Kombination aus Biographie, Sachbuch und literarischem Text, die nicht nur Freundinnen und Freunden von Sherlock Holmes viel Spaß bereiten dürfte.


Arthur Conan Doyle: Heute dreimal ins Polarmeer gefallen. Tagebuch einer arktischen Reise
Herausgegeben von Jon Lellenberg und Daniel Stashower, übersetzt und erweitert von Alexander Pechmann.
btb Verlag; ISBN 978-3-442-71432-2; 352 Seiten; € 14,99.

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3 Kommentare zu „{Buch} Heute dreimal ins Polarmeer gefallen

    1. Ich lese da auch sehr gerne drüber — vor allem Berichte aus einer Zeit, als eine Reise in Polarregionen noch ein riesiges Abenteuer mit ungewissem Ausgang war.

      Grüße zurück und schon einmal einen guten Rutsch!

      1. Ja, diese Regionen haben schon einen großen Reiz. Mich fasziniert auch, wie Menschen trotz der Widrigkeiten leben können und dass vor allem ja auch die Entdecker von den Ureinwohnern lernen konnten. Ich wünsche Dir auch einen guten Start ins neue Jahr. Viele Grüße

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