Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben

der_geschmack_von_laub_und_erdeDie Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren einige erstaunliche Fortschritte hinsichtlich der Erforschung von Verhaltensweisen und Fähigkeiten von Tieren gemacht. Allerdings sind all diese aufgrund von langwieriger Beobachtung, Auswertung von GPS-Daten oder Messung von Hirnströmen gewonnenen Erkenntnisse eher theoretischer Natur und erklären letzten Endes nicht, wie Tiere ihre Umwelt tatsächlich wahrnehmen und was sie denken oder fühlen. Inwieweit sich das überhaupt herausfinden lässt, wird sich erst in der Zukunft zeigen, aber einstweilen schadet es ja nicht, sich mit eher spekulativen Experimenten zu behelfen, wie sie Charles Foster in seinem Buch „Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben“ beschreibt.

Der Untertitel lässt schon sehr gut erahnen, wie der englische Tierarzt und Anwalt, der in Oxford unterrichtet, bei seinen Selbstversuchen vorgeht: Statt Tiere zu beobachten und dann aus ihrem Verhalten Rückschlüsse zu ziehen, wird er selbst zum Tier („Schamanismus“ ist ein Begriff, der dabei recht häufig gebraucht wird — womöglich gar zu häufig). Die Verwandlung von einem weitgehend normalen Menschen in ein Wildtier gelingt Charles Foster dabei meist eher schlecht als recht, was nicht nur am Mangel grundlegender Fähigkeiten liegt (besonders deutlich wird dies im Kapitel über den Mauersegler, dem der Autor allein schon deshalb nicht besonders nahe kommt, weil er eben nicht fliegen kann), sondern eben auch daran, dass das Leben eines Waldbewohners weitgehend unspektakulär ist, wenn man sich nicht so recht in dessen Denken und Fühlen hineinversetzen kann. Letzten Endes ähneln sich die einzelnen, jeweils einem Tier gewidmeten Kapitel (neben dem Mauersegler „verwandelt“ sich Charles Foster auch in einen Dachs, einen Otter, einen Fuchs und einen Rothirsch) doch sehr und erschöpfen sich vor allem darin, dass der Autor im bevorzugten Lebensraum des jeweiligen Untersuchungsobjekts herumläuft oder -liegt (erstaunlich oft nackt), Dinge isst, die normalerweise nicht auf dem Speisezettel eines Durchschnittseuropäers stehen und versucht, die Umgebung vor allem mit den ausgeprägtesten Sinnen des beschriebenen Tieres wahrzunehmen. Wenn Charles Foster als Dachs über die regional unterschiedlichen Geschmacksrichtungen von Regenwürmern sinniert, ist diese Vorgehensweise sehr amüsant. Weist er dagegen im Otter-Kapitel seine Kinder an, ihre Notdurft im Wald zu erledigen, um dann zu versuchen, mithilfe seines Geruchssinns die Exkremente dem jeweiligen Kind zuzuordnen, wird es vollends bizarr.

Überhaupt stolpert man beim Lesen immer wieder über Passagen, in denen es doch ein wenig weit getrieben wird mit der Schrulligkeit und Exzentrik. Eher gering fällt dagegen der Erkenntnisgewinn aus. Zwar serviert „Der Geschmack von Laub und Erde“ einige erstaunliche Fakten, zum Beispiel über das Leben in der Großstadt beheimateter Füchse oder über die immense Flugleistung von Mauerseglern, und außerdem macht sich Charles Foster ein paar wirklich kluge Gedanken über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und den zivilisationsbedingt immer weiter fortschreitenden Verlust diverser — vor allem sensorischer — Fähigkeiten, aber dem eigentlichen Kernthema kommt das Buch nie so recht nahe.

Als Plädoyer für ein naturnahes Leben unter dem bewussten Einsatz aller Sinne ist „Der Geschmack von Laub und Erde“ durchaus empfehlenswert. Als Versuch, den beschriebenen Tierarten wirklich näher zu kommen, allerdings leider eher nicht.


Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben. Deutsch von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Robert A. Weiß; Malik Verlag; ISBN: 978-3-89029-262-5; 288 Seiten; 20 Euro.

Lesungen:
♦ 7. Februar — Berlin, Urania (deutsche Lesung: Wanja Mues; Moderation: Daniel Haas)
♦ 8. Februar — Hamburg, stories! (deutsche Lesung: Wanja Mues; Moderation: Daniel Haas)
♦ 9. Februar — München, Literaturhaus (deutsche Lesung: Shenja Lacher; Moderation: Daniel Haas)

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2 Kommentare zu „Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben

  1. Der Titel hat mich gleich neugierig gemacht. Aber der Inhalt klingt tatsächlich etwas bizarr… 😉 Wie schade, dass das Buch nicht mehr bietet. An und für sich ist das ja eine spannende Herangehensweise…

    1. Ja, die Idee fand ich auch so spannend, dass mich das Buch gleich angesprochen hat. Dementsprechend groß war dann beim Lesen auch die Ernüchterung.

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