Der Film zum Buch: Hotel New Hampshire

Gestern feierte John Irving seinen 75. Geburtstag — Grund genug, etwas von ihm zu entdecken, was ich bisher noch nicht kannte, nämlich die Verfilmung seines meisterhaften Romans „Das Hotel New Hampshire“.dsc_0194Der drei Jahre nach der 1981 veröffentlichten Buchvorlage in den Kinos angelaufene Film schmückte sich zwar mit einer prominenten Besetzung, spielte aber in den USA nicht einmal die Produktionskosten von knapp 7,5 Millionen Dollar ein. Anders als bei der erfolgreichsten Irving-Verfilmung „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ zeichnete auch nicht John Irving selbst für das Drehbuch (wofür er im Jahr 2000 sowohl mit dem Golden Globe als auch mit dem Oscar ausgezeichnet wurde) verantwortlich, sondern Tony Richardson, der bei „Hotel New Hampshire“ (seltsamerweise verzichtet der deutsche Titel der Verfilmung auf den beim Buchtitel verwendeten Artikel) Regie führte.

Es bleibt einem immer nur übrig, nach der Devise zu handeln: Bleibt weg von offenen Fenstern.

Obwohl der Film in vielen Details von der Romanvorlage abweicht, ist die Handlung im Großen und Ganzen natürlich gleich: Erzählt wird von der kinderreichen Familie Berry, die mehrere Hotels führt — unter anderem auch in Wien, einem beliebten Handlungsort vieler Geschichten John Irvings, der in den sechziger Jahren zwei Semester in der österreichischen Hauptstadt studierte –, eine Reihe skurriler Situationen zu meistern hat und mehrere tragische Schicksalsschläge hinnehmen muss. Ein wenig sind diese Ereignisse im Film leider nach Art einer Nummernrevue aneinandergereiht, wobei teilweise mehr Wert auf Slapstick gelegt wird als auf die feinen Zwischentöne und das komplexe Beziehungsgeflecht, das die Familienmitglieder untereinander beziehungsweise mit den diversen Nebenfiguren verbindet. Womöglich ist es allerdings auch ein wenig zu viel verlangt, die knapp 600-seitige, relativ dichte Romanhandlung in gut 100 Minuten auf die Leinwand zu bringen, ohne dabei an irgendeiner Stelle die Schere anzusetzen.

Liebe schwimmt immer obenauf, genauso wie Kummer.

Trotz der durchaus vorhandenen Schwächen lohnt sich „Hotel New Hampshire“ vor allem für Freundinnen und Freunde des Buches, zumal allein das Wiedersehen mit dem unerschütterlich optimistischen Win Berry (Beau Bridges), dem unsicheren John (Rob Lowe), der niemanden so sehr begehrt wie seine äußerst direkte Schwester Franny (Jodie Foster), der altklugen Lily (Jennifer Dundas) und dem liebenswerten Frank (Paul McCrane) eine große Freude ist.

Wer den Roman allerdings noch nicht kennt, für den gilt (abgesehen von der immer gültigen Devise natürlich, sich von offenen Fenstern fernzuhalten): Zuerst das Buch lesen, dann den Film schauen.


Hotel New Hampshire (USA, GB, KAN 1984). Regie und Buch: Tony Richardson; Darsteller: Rob Lowe, Jodie Foster, Beau Bridges, Nastassja Kinski, Paul McCrane, Jennifer Dundas, Seth Green, Lisa Banes, Wilford Grimley.

John Irving: Das Hotel New Hampshire. Diogenes Verlag; ISBN: 978-3-257-21194-8; 608 Seiten; € 12,90.

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