Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

Ein abgeschiedenes Bergdorf mit wortkargen Bewohnern, die ein ungeheuerliches Geheimnis bewahren und ein Fremder, der in die verschwiegene Gemeinschaft eindringt und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen — für Spannungsliteratur ist das ein geradezu klassisches Setting.

Man denke da nur an Thomas Willmanns fulminanten, alpenländischen Rachewestern „Das finstere Tal“, in dem ein angeblicher Landschaftsmaler in einem abgelegenen Tal auftaucht und abrechnet mit einem skrupellosen Familienclan, der die anderen Dorfbewohner seit Jahrzehnten mit physischer und psychischer Gewalt unterdrückt.siebenhochAnders als der Fremde bei Willmann, dessen Biographie untrennbar mit den Vorgängen im Dorf verbunden ist, kommt Jeremiah Salinger, der Protagonist von Luca D’Andreas Romandebüt „Der Tod so kalt“ eher zufällig mit der finsteren Geschichte in Berührung, die Siebenhoch, das Heimatdorf seiner Ehefrau Annelise, und dessen Bewohner seit beinahe dreißig Jahren nicht mehr loslassen will. Unterfordert und gelangweilt von der Genesungsphase nach einem folgenschweren Unfall in den Bergen, der dem amerikanischen Dokumentarfilm-Autor (übrigens eine Gemeinsamkeit mit Luca D’Andrea, der das Buch zur erfolgreichen italienischen Doku-Serie „Mountain Heroes“ verfasste) beinahe das Leben gekostet hatte, erfährt Salinger in einem beiläufig mitgehörten Gespräch vom „Bletterbach-Massaker“, bei dem während eines tagelangen Unwetters im Jahr 1985 drei junge Leute aus Siebenhoch in der Bletterbachschlucht auf äußerst grausame Art und Weise ermordet worden waren. Da die Morde trotz diverser mehr oder weniger plausibler Theorien und einiger Verdächtiger niemals aufgeklärt wurden und Salingers Schwiegervater, der Bergretter Werner Mair, unter denjenigen war, die die schlimm zugerichteten Leichen damals fanden, ist der Neuankömmling, der immer auf der Suche nach einer packenden Geschichte ist, sofort Feuer und Flamme. Die anfängliche Faszination steigert sich aber schnell in eine ungute Besessenheit, die weder bei den Dorfbewohnern noch bei Salingers Familie auf viel Gegenliebe stößt.

Dass Luca D’Andreas eigentliches Metier der (Dokumentar-) Film ist, merkt man beim Lesen von „Der Tod so kalt“ auf nahezu jeder Seite: Der in Bozen lebende Autor hat ein gutes Gespür für ansteigende und wieder abflauende Spannungskurven, schnelle Schnitte, prägnante Figuren und starke Bilder (neben Wissenswertem aus der wechselhaften Geschichte Südtirols ist von Knödeln über Speck bis hin zum Krampus schließlich auch nahezu jedes Südtirol-Klischee im Roman vertreten). Obwohl die Handlung an einigen Stellen durchaus hätte gestrafft werden können, liest sich das mit mehr als 450 Seiten recht umfangreiche Buch flott und kurzweilig weg. Just in dem Moment, in dem allerdings bereits eine plausible Auflösung auf dem Tisch zu liegen scheint, biegt „Der Tod so kalt“ im Schlussspurt dann noch einmal in eine ganz neue Richtung mit leichtem Mystery-Einschlag ab. Ob man diese letzte Wendung nun originell oder schlichtweg überzogen und überflüssig finden möchte, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Wer — wie ich — eher zur zweiten Variante tendiert, dürfte diesen eigentlich spannenden und gut gemachten Thriller mit einem leichten Gefühl der Ernüchterung aus der Hand legen.


Luca D’Andrea: Der Tod so kalt. Deutsch von Verena von Koskull. DVA Belletristik; ISBN: 978-3-421-04759-5; 480 Seiten; 14,99 Euro.

Thomas Willmann: Das finstere Tal. Ullstein Verlag. ISBN: 978-3-548-28640-2; 320 Seiten; 9,99 Euro.

Ein Interview mit Luca D’Andrea findet sich hier, ein Beitrag des BR-Kulturmagazins „Capriccio“ dort.

Lesungen:
3. April — Hannover, Buchhandlung Leuenhagen & Paris
4. April — Frankfurt, Romanfabrik
5. April — München, Alpines Museum (im Rahmen des Krimifestivals)
6. April — Wiehl, Evangelisches Gemeindehaus

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2 Kommentare zu „Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

    1. Dankeschön! Der Jurassic-Park-Vergleich trifft es wirklich gut — ich hatte beim Lesen doch tatsächlich einmal kurz die Sorge, dass gleich leibhaftige Dinos in der Schlucht auftauchen…

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