Bill Clegg: Fast eine Familie

„Did you ever have a family“  heißt der vorzügliche Debütroman des amerikanischen Schriftstellers Bill Clegg im Original und anders als „Fast eine Familie“, der etwas nichtssagende Titel der deutschen Übersetzung, verrät der Originaltitel bereits, worum es in diesem Buch im Kern geht. „Falls du, liebe Leserin, lieber Leser, jemals selbst Teil einer Familie warst, wirst du dich hier angesprochen fühlen“, scheint einem der Autor damit schon vor Beginn der Lektüre mitteilen zu wollen.DSCN9423Im Zentrum des aus verschiedenen Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen erzählten Romans steht ein schreckliches Unglück: Am Abend vor der Hochzeit ihrer Tochter Lolly fliegt im Haus von June Reid der altersschwache Gasherd in die Luft und reißt neben Lolly, zu der sich June nach langen Jahren der Funkstille langsam wieder ein halbwegs normales Mutter-Tochter-Verhältnis aufgebaut hatte, auch Will, ihren Schwiegersohn in Spe, ihren Ex-Mann Adam und ihren deutlich jüngeren Lebensgefährten Luke in den Tod. Einzig June bleibt zurück und nach einer Weile der sprachlosen Trauer setzt sich die erfolgreiche Galeristin in ihr Auto und fährt von ihrem Wohnort in Connecticut einmal quer durch die USA in ein abgelegenes Motel im Staat Washington, zu dem sie eine ganz besondere Verbindung hat.

Das mag sich zwar nun fast ein wenig nach dem rührseligen Roadtrip einer verzweifelten Frau knapp über Fünfzig anhören, ist (zum Glück) aber ganz anders. Junes Reise und ihr Aufenthalt im Motel nehmen nur einen geringen Teil der Romanhandlung ein. Vielmehr sind das Unglück und Junes spätere Reaktion darauf nur die beiden Fixpunkte, um die herum Bill Clegg zahlreiche andere Menschen, die von diesen beiden Ereignissen mehr oder weniger berührt werden oder wurden, zu Wort kommen lässt. All diese Personen, darunter Lukes Mutter Lydia, die ihren Sohn in einem entscheidenden Moment hat hängen lassen, der junge Silas, der glaubt, für die Gasexplosion verantwortlich zu sein, oder die beiden Besitzerinnen des „Moonstone“-Motels, die als lesbisches Paar in den 80er Jahren noch gegen die Widerstände der Gesellschaft und ihrer eigenen Familien für ihre Liebe kämpfen mussten, entstammen völlig unterschiedlichen Milieus, sozialen Schichten und Generationen, haben aber allesamt ihr Päckchen zu tragen und sind — im positiven wie im negativen Sinne — von ihren Entscheidungen, Zufällen und den Menschen, die ihnen im Laufe ihrer Leben begegnet sind, geprägt.

Der Zauber der Welt schleicht sich heimlich an und setzt sich neben dich, wenn du gerade nicht hinschaust.

Bill Clegg, dessen Buch im Jahr 2015 sowohl für den Man Booker Prize als auch für den National Book Award nominiert war, nähert sich den unterschiedlichen Biographien seiner Charaktere mit viel Einfühlungsvermögen und auf eine sehr behutsame, ruhige und nüchterne Art an. Effekthascherische Szenen, die auf die Tränendrüse drücken, sowie übertriebenes Pathos vermisst man hier komplett, dafür gibt es in „Fast eine Familie“  etliche Momente, die wirklich berühren und noch lange nachklingen.


Bill Clegg: Fast eine Familie. Deutsch von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag; ISBN: 978-3-10-002399-5; 320 Seiten; 22 Euro.

Advertisements

Ein Kommentar zu „Bill Clegg: Fast eine Familie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s