Helen Macdonald: Falke

„Falke“  ist nicht das Buch nach  Helen Macdonalds international gefeiertem Bestseller „H wie Habicht“, sondern das Buch davor. Ursprünglich bereits im Jahr 2006 erschienen, liegt die „Biographie eines Räubers“  in einer um ein Vorwort erweiterten Neufassung nun erstmals in deutscher Übersetzung vor.
DSCN9432Anders als „H wie Habicht“, das man unabhängig von der dominierenden Greifvogelthematik auch als eine autobiographische Trauerbewältigung oder als berührendes Buch über eine Vater-Tochter-Beziehung lesen konnte, ist „Falke“  ein reines Sachbuch, das im Kern aber gar nicht so weit entfernt ist von ihrem Welterfolg, wie die Autorin im Vorwort bemerkt:

Im Grunde aber handelt dieses Buch genau wie „H wie Habicht“ davon, dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen. Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.

Dementsprechend widmet sich Helen Macdonald vornehmlich dem menschlichen Blickwinkel auf und der seit Jahrtausenden bestehenden Faszination für den eleganten Greifvogel, was insofern fast ein wenig schade ist, da gerade das Kapitel, in dem der Falke anhand seines Körperbaus, der überragenden visuellen Wahrnehmung und seines präzisen Flugverhaltens als idealer, perfekt angepasster Jäger beschrieben wird, zu den interessantesten Passagen des ganzen Buches gehört.

Dennoch ist natürlich auch der kulturgeschichtliche Part abgesehen von einigen wenigen Längen äußerst lesenswert und lehrreich, zumal dieser sowohl zeitlich als auch geographisch ein beeindruckend weites Feld abdeckt. Bereits im alten Ägypten wurden Falken als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits oder als Bindeglied zwischen Menschen- und Götterwelt verehrt, später breitete sich in nahezu allen Kulturen eine Faszination für Greifvögel und deren Abrichtung aus, was unter anderem dazu führte, dass sich die Falknerei gerade bei den Mächtigen, die die positiven Eigenschaften des Falken — Stärke, Eleganz, Willenskraft — gerne auf sich selbst projizierten, größter Beliebtheit erfreute — womit wir wieder bei der eingangs erwähnten „Natur als Spiegel“  wären.

Obwohl die Falknerei in der Neuzeit eher ein Nischendasein als exklusives Hobby von Biologen, reichen arabischen Prinzen und sonstigen Greifvogelfanatikern fristet und der Mensch die Tiere nicht zuletzt durch den Einsatz von Insektiziden zeitweise an den Rand des Aussterbens gebracht hat, ist die grundsätzliche Faszination für den Falken nahezu ungebrochen, wie Helen Macdonald schreibt. Das Militär, das in diversen Kriegen tatsächlich abgerichtete Falken dazu einsetzte, Brieftauben der feindlichen Seite abzufangen, versucht, Erkenntnisse über das Flugverhalten der Greifvögel zur Entwicklung moderner Kampfjets zu nutzen. In Literatur, Musik und Film (zum Beispiel in Wes Andersons wunderbarem Streifen „Die Royal Tennenbaums“, in dem die Figur des Richie Tennenbaum einen Sakerfalken namens Mortdecai hält) wird das Bild des stolzen, eleganten Jägers nach wie vor gerne eingesetzt und auch Wanderfalken, die sich an urbane Bedingungen angepasst haben und unter anderem auf Wolkenkratzern diverser Großstädte oder — ganz aktuell — auf der Kaiserburg in Nürnberg brüten, lösen regelmäßig große Begeisterung in den Medien und unter den Bewohnerinnen und Bewohnern der jeweiligen Städte aus.
DSC_0273Wer sich bereits bei der Lektüre von „H wie Habicht“  nicht recht anfreunden konnte mit langen, von Fachbegriffen wie „Atzung“ oder „Schmelz“ gespickten Passagen über die Greifvogelhaltung, dürfte an „Falke“  nicht ganz so viel Gefallen finden, allen anderen aber sei das reich bebilderte und liebevoll aufgemachte Buch wärmstens ans Herz gelegt, bietet es doch einen umfassenden, kenntnisreichen und gut lesbaren Einblick in die Welt des Falken und darüber, wie der Mensch ihn sieht.


Helen Macdonald: Falke. Biographie eines Räubers. Deutsch von Frank Sievers. C.H. Beck Verlag; ISBN: 978-3-406-70574-8; 240 Seiten; 19,95 Euro.

Meine Besprechung zu „H wie Habicht“ , inzwischen bei Ullstein als günstige Taschenbuchausgabe erhältlich, findet Ihr HIER.

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