Patrick Flanery: Ich bin niemand

Ohne böse oder gar kriminelle Absichten durch unterschiedlich interpretierbares Verhalten, Leichtgläubigkeit oder unbedachte Äußerungen auf einmal unter Verdacht zu geraten, ist für gesetzestreue Bürgerinnen und Bürger eine echte Horrorvorstellung, die in Zeiten nahezu flächendeckender Überwachung und einer zunehmenden Aufweichung der Privatsphäre des Einzelnen so abwegig gar nicht ist. Eine neue Generation von Überwachungskameras soll zum Beispiel in der Lage sein, aus Gesichtsausdrücken und Bewegungen der Aufgezeichneten selbständig auf mögliche Gefahrensituationen zu schließen. So könnte unter bestimmten Bedingungen jemand, der mit gehetztem Blick einen Bahnsteig entlang rennt, nicht mehr als harmlose Person wahrgenommen werden, die schnell noch ihren Zug erreichen möchte, sondern schlimmstenfalls als flüchtiger Terrorist.
DSC_0275Einer dieser unbescholtenen Bürger, die plötzlich auf den Schirmen der Sicherheitsbehörden auftauchen, ist Jeremy O’Keefe, der Protagonist und Ich-Erzähler von Patrick Flanerys Roman „Ich bin niemand“. Dabei beginnt alles ganz harmlos: Der Geschichtsprofessor, nach knapp einem Jahrzehnt in Oxford gerade wieder zurück in seiner Heimatstadt New York, wird von einer normalerweise zuverlässigen Studentin versetzt und stellt später fest, dass er das Treffen selbst per E-Mail abgesagt hatte. Allerdings kann er sich weder an seine eigene Mail noch an die Antwort der Studentin erinnern. Zunächst befürchtet der Mittfünfziger, er könnte unter beginnender Demenz leiden, doch diverse Untersuchungen bestätigen diesen Verdacht nicht – außerdem kommt es zu weiteren, deutlich handfesteren Vorfällen: So werden ihm in regelmäßigen Abständen Päckchen zugestellt, die mal Ausdrucke seines gesamten Webverlaufes der letzten Jahre, mal ausführliche Details über all seine Telefongespräche enthalten. Zudem fühlt sich Jeremy ständig verfolgt und beobachtet, unter anderem von einem jungen Mann – angeblich ein Studienfreund seines Schwiegersohnes – der ihm immer wieder „rein zufällig“ begegnet. Nach und nach dämmert ihm, dass all diese Merkwürdigkeiten womöglich mit Begegnungen und Verhaltensweisen während seiner Zeit in Oxford zusammenhängen, die mit etwas Fantasie und unter Nichtberücksichtigung der Unschuldsvermutung doch durchaus verdächtig erscheinen könnten.

Die Freiheit, nicht erreichbar zu sein, unbehelligt durch die Stadt zu spazieren, in Buchhandlungen und Bibliotheken zu stöbern, ohne das Bewusstsein, gejagt oder verfolgt oder einfach abgelenkt zu werden von albernen, unerwünschten Botschaften und der Möglichkeit, alle dreißig Sekunden die Börsenkurse zu checken oder die neusten Nachrichten zu empfangen, diese Freiheit muss bedeutet haben, dass wir noch vor zehn Jahren mehr mit Denken als Reagieren beschäftigt waren.

Ein Unschuldiger gerät unter Verdacht und weiß eigentlich gar nicht genau, was ihm von wem vorgeworfen wird – ein wenig erinnert diese Ausgangslage an Kafkas „Prozess“  und in der Tat entwirft Patrick Flanery ein bedrückendes, zumindest in weiten Teilen durchaus realistisches Szenario. Dass „Ich bin niemand“  kein rasanter Spionagethriller mit großen Knalleffekten, sondern ein (stellenweise beinahe ein wenig zu) langsam erzählter, nachdenklicher und fast philosophisch angehauchter Roman ist, dient der Glaubwürdigkeit der Handlung und ist durchaus als Pluspunkt zu werten. Allerdings übertreibt es Flanery leider ein wenig, denn statt auf seine erzählerische Stärke, seine klugen Grundgedanken und sein zeitgemäßes, brisantes Grundthema zu vertrauen, hat er das große Ganze im Blick. Bald geht es nicht mehr nur um einen Mann, der in die Mühlen eines Sicherheitsapparates geraten ist, sondern um klassische Spionage, die Datensammelwut von Internetkonzernen, den arabischen Frühling, islamistischen Terrorismus, Whistleblower, Geheimgefängnisse, politisch motivierte Vertuschung, 9/11 und etliches mehr. Angesichts dieses Sammelsuriums an Themen, die eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen bzw. teilweise nur ganz am Rande angeschnitten werden, gerät die eigentliche Geschichte zunehmend aus dem Blick und wird in ihrem Verlauf zusehends verwirrend. Kleinigkeiten wie der Umstand, dass der Forschungsschwerpunkt des Protagonisten ausgerechnet auf den Überwachungsmethoden der Stasi liegt und er zum ersten Mal bemerkt, dass er verfolgt wird, nachdem er sich im Fernsehen nacheinander Michelangelo Antonionis „Blow Up“  und Francis Ford Coppolas „Der Dialog“  angeschaut hat, verfestigen den Eindruck, dass der Autor allzu dick aufträgt, noch zusätzlich.

Dennoch ist Patrick Flanery mit „Ich bin niemand“  etwas ähnliches gelungen wie Dave Eggers mit „Der Circle“,  denn obwohl sein Roman nicht vollends zu überzeugen weiß, regt er seine Leserinnen und Leser dennoch dazu an, das eigene (Online-) Verhalten kritisch zu beleuchten, unbequeme Fragen zu stellen und nicht blind allem zu vertrauen, was einem als vermeintlich tolle, das Leben vereinfachende Neuerung aufgetischt wird.


Patrick Flanery: Ich bin niemand. Deutsch von Reinhild Böhnke. Blessing Verlag; ISBN: 978-3-89667-578-1; 400 Seiten; 22,99 Euro.

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