J.L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Gerade in Zeiten des hemmungslos durchkommerzialisierten Fußballs sehnen sich viele Fans zunehmend nach überraschenden Erfolgen unscheinbarer Außenseiter (davon zeugten in jüngerer Vergangenheit etwa die Begeisterung über das starke Abschneiden der isländischen Nationalmannschaft bei der EM 2016 und den Premier-League-Titel von Leicester City im gleichen Jahr) und der „guten alten Zeit“, in der man bei günstiger Bratwurst und ebenso billigem Bier von der Stehplatztribüne aus Spieler anfeuerte, die in der Regel ihre gesamte Laufbahn bei einem einzigen Verein verbrachten. Dass es sich bei den heutigen Außenseitern meist dennoch um gut verdienende Profis handelt und dass früher auch nicht alles besser war, wird aus Gründen der Romantik und des genussvollen Schwelgens in Erinnerungen natürlich gerne unter den Teppich gekehrt.

In J.L. Carrs kurzem, im Jahr 1975 erstmals erschienenen und nun wohl dank des großen Erfolgs von „Ein Monat auf dem Land“  wieder zu entdeckenden Roman „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“, erfüllen sich zwar die großen Sehnsüchte aller Fußballromantiker, aber letzten Endes geht es natürlich um weit mehr als die fiktive Geschichte eines Hobbyteams aus einem tristen Dorf in den Hochmooren Yorkshires, dem es wie durch ein Wunder gelingt, den FA Cup zu gewinnen ¹. Vielmehr ist das Büchlein ein kleines Lehrstück darüber, dass auch auf die größten Triumphe im Leben meist Ernüchterung folgt und gerade die seltenen Momente des Glücks deshalb ganz besonders ausgekostet werden sollten.
DSC_0339So ist das Streben nach sportlichem Erfolg für J.L. Carrs Protagonisten weniger ein Selbstzweck als eine Ablenkung von fundamentaleren Problemen. Joe Gidner, der die Geschichte in seiner Funktion als Vereinschronist erzählt, fühlt sich als unverzichtbares Organisationstalent bei den Steeple Sinderby Wanderers gebraucht und anerkannt, während er ansonsten etwas haltlos durchs Leben geistert. Ähnlich geht es Dr. Kossuth, der dem bunt zusammengewürfelten Haufen zwar die zum Erfolg nötige Philosophie eintrichtert, aber damit hadert, dass er als politischer Flüchtling als Rektor an einer Dorfgrundschule gelandet ist und nicht als Philosophieprofessor in seiner ungarischen Heimat lehrt. Besonders schlimm getroffen hat es Torjäger Alex Slingsby, der nur wegen eines familiären Schicksalsschlages bei den unterklassigen Wanderers kickt statt bei einem renommierten Profiverein.

Alle eint, dass sie zwar während ihrer „Mission Pokalsieg“ einige unbeschwerte Monate erleben und ein paar harte sportliche Brocken aus dem Weg räumen, die Probleme des Alltags aber auch nach dem Erreichen des großen Ziels unangetastet daliegen:

Bald nahm das Leben wieder seinen gewohnten Lauf, und es war großartig, wieder gemächlich über die ausgetretenen Pfade zu trudeln.

Und dann …
Und dann funktionierte es plötzlich nicht mehr. Was geschehen war, war nun einmal geschehen, und nichts würde — oder konnte — mehr so sein, wie es einmal gewesen war.

Es sind gerade die nachdenklichen, wehmütigen Momente, die „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“  so lesenswert machen. Dass es zwischendurch allerdings auch viele vergnügliche, mit trockenem Humor gewürzte Momente mit den findigen Dorfkickern gibt, die schon einmal auf einen ihrer wichtigsten Akteure verzichten müssen, weil er dummerweise just am Spieltag als Pfarrer einen Trauergottestdienst abzuhalten hat, schadet dem äußerst liebevoll aufgemachten Buch, das gerade bei der mitreißenden Beschreibung der Spiele selbst leider etwas unter seinen Möglichkeiten bleibt, jedoch ebenfalls nicht.


J.L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten. Deutsch von Monika Köpfer. DuMont Buchverlag; ISBN: 978-3-8321-9854-1; 192 Seiten; 20 Euro.

¹ Die Wirklichkeit ist natürlich wieder einmal profaner als die Fiktion: Pokalsieger des Jahres 1974, in dem die Geschichte spielt, wurde der große FC Liverpool. Trotz einiger Achtungserfolge ist es zumindest in Zeiten professionellen Fußballs keiner unterklassigen Amateurmannschaft gelungen, den FA Cup zu gewinnen und die Wahrscheinlichkeit, dass das jemals passieren wird, ist mit „äußerst gering“ wohl deutlich zu optimistisch umschrieben.

Advertisements

2 Kommentare zu „J.L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

  1. „Ein Monat auf dem Land“ habe ich bisher (leider) noch nicht gelesen, aber das werde ich bestimmt noch nachholen.

    Viel Spaß auf jeden Fall mit den „Steeple Sinderby Wanderers“ und viele Grüße!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s