Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

DSC_0337Eine Art Öko-Version von Charles Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“  erzählt die norwegische Jugend- und Drehbuchautorin Maja Lunde in „Die Geschichte der Bienen“, ihrem hervorragenden ersten Roman für eine erwachsene Leserschaft. Allerdings ganz unweihnachtlich und statt Geistern sind es Bienen, die uns zu drei Protagonisten bringen, die in unterschiedlichen Zeiten an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens stehen.

Der in der Vergangenheit angesiedelte Handlungsstrang spielt in der englischen Grafschaft Hertfordshire des Jahres 1852, wo Ich-Erzähler William mit seinem Schicksal hadert. Einst war er ein aufstrebender und wissbegieriger Insektenforscher, aber nach der Geburt von acht Kindern, darunter sieben Töchter, hatte er seine akademische Karriere zugunsten eines weniger spannenden, aber einträglicheren Daseins als Saatguthändler aufgeben müssen. Ein Umstand, der ihm so sehr zusetzt, dass er sich eines Tages vor lauter Selbstmitleid in sein Bett verkriecht und dieses monatelang nicht mehr verlässt. Als er doch wieder ein wenig Lebensmut schöpft, muss er feststellen, dass seine Leidenschaft für Bienen ein wenig zu spät neu entfacht wurde, um bahnbrechende neue Erkenntisse zu gewinnen, da er sich in einer Epoche befindet, in der sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die kommerzielle Nutzung der Imkerei ein noch nicht gekanntes Level erreicht haben.

[…] die Bienen sollen dem Menschen ja nicht gleichgemacht werden — sie sollen von uns gezähmt werden. […] Unser Kontakt mit ihnen muss naturgemäß auch von oben herab geschehen.

Für die Gegenwart steht der Bienenzüchter George, der im Ohio des Jahres 2007 zunehmend die Auswirkungen der modernen, auf Effizienz und Gewinn ausgerichteten Landwirtschaft zu spüren bekommt. Mit der Produktion von Honig ist es ihm längst nicht mehr möglich, das Auskommen seiner Familie und den Lohn seiner beiden Angestellten zu sichern, weshalb er auf die Expansion seines Betriebes und die Erschließung neuer Geschäftsfelder setzt. Das ist leichter gesagt als getan, denn einerseits ist ihm die Konkurrenz bereits ein paar Schritte voraus und andererseits zieht auch Georges Familie nicht so recht mit. Seine Frau träumt von einem möglichst baldigen Ruhestand in Florida und auch sein Sohn hat eigentlich andere Pläne als eine unsichere Zukunft im schwächelnden Familienbetrieb. Mitten in diese Zeit der großen Umbrüche fällt zu allem Überfluss auch noch der Beginn des rätselhaften Bienensterbens.

Der spannendste und auch beunruhigendste Handlungsstrang des Romans ist jedoch der Blick ins China des Jahres 2098. Die uns bekannte westliche Zivilisation ist zu diesem Zeitpunkt längst kollabiert und auch um China, die einzige verbliebene Weltmacht, steht es nicht besonders gut. In den großen Städten herrscht nur noch wenig Leben, stattdessen spielt sich fast alles auf dem Land ab, wo das Regime mit aller Macht und großer Gnadenlosigkeit versucht, in erster Linie sein eigenes und eher nebenbei das Überleben der verbliebenen Bevölkerung zu sichern. Hier treffen wir Tao, die als Arbeiterin auf riesigen Feldern von Hand Blüten bestäubt, da Bienen und andere bestäubende Insekten längst ausgestorben sind ¹. Für ihren kleinen Sohn Wei-Wen wünscht sich Tao ein besseres Leben, doch als der Dreijährige bei einem Ausflug einen rätselhaften Anfall erleidet, scheint dieser Traum zu zerplatzen wie eine Seifenblase.

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Doch Bienen kann man nicht zähmen. Man kann sie nur pflegen, ihnen Fürsorge geben.

In meist recht kurzen Kapiteln springt Maja Lunde munter zwischen den einzelnen Zeit- und Handlungsebenen hin und her, was zum einen für willkommene Abwechslung sorgt, zum anderen immer wieder Cliffhanger produziert, die zum Weiterlesen animieren. Überhaupt sind alle drei Stränge für sich genommen lesenswert und interessant, wobei sich erst zum Ende hin alles zu einem stimmigen Bild zusammenfügt.

Was — im Gegensatz zur Dickens-Geschichte, in der Ebenezer Scrooge sein Verhalten gerade noch rechtzeitig ändert und so das Schlimmste abwendet — in Maja Lundes Roman trotz des leichten Hoffnungsschimmers ganz am Schluss fehlt, ist ein glückliches Ende. Es liegt an uns, so die Moral und Mahnung dieses wunderbaren, sehr packenden und hochaktuellen Buches, den drohenden Zusammenbruch unseres Ökosystems und den damit verbundenen Verlust unserer Lebensgrundlage noch zu verhindern. Falls es dafür nicht bereits längst zu spät ist.


Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Deutsch von Ursel Allenstein. btb Verlag; ISBN: 978-3-442-75684-1; 512 Seiten; 20 Euro.

Ab dem 29. Mai lesen Bibiana Beglau, Markus Fennert und Thomas M. Meinhardt täglich um 8.30 Uhr in der Radiosendung „Am Morgen vorgelesen“  auf NDR Kultur aus Maja Lundes Roman.

¹ Das ist übrigens keine ausgedachte Zukunftsvision, sondern in Teilen Chinas schon seit mehreren Jahrzehnten bittere Realität, wie unter anderem im immer noch sehr empfehlenswerten Film „More Than Honey“  von Markus Imhoof in eindringlichen Bildern zu sehen ist.

Ein sehr lesenswerter Artikel über den Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz in der Landwirtschaft und dem Bienen- bzw. Insektensterben findet sich bei GEO.

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