Sebastian Herrmann: Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren

Fast genau auf den Tag vor 200 Jahren, nämlich am 12. Juni 1817, absolvierte Karl Friedrich von Drais in Mannheim eine gut sieben Kilometer lange „Jungfernfahrt“ mit der von ihm ersonnenen Laufmaschine, die man sich ungefähr so vorstellen kann wie eine größere Version der beliebten Laufräder für kleine Kinder. Mit den heute erhältlichen eleganten Rennrädern, den hochgerüsteten Mountainbikes oder den immer beliebter werdenden E-Bikes, die ihren Fahrern einen Großteil der Arbeit abnehmen, hatte die recht plump wirkende „Draisine“ nicht allzu viel gemein, aber dennoch markierte sie den Ausgangspunkt eines rasanten Siegeszuges, der nicht nur eine Revolution des Verkehrswesens mit sich brachte. Abgesehen davon, dass das Fahrradfahren nicht nur den Weg von A nach B erleichtert, ist es für unzählige Menschen auch zu einer Betätigung geworden, die irgendwo zwischen schöner Freizeitbeschäftigung und an Wahnsinn grenzender Besessenheit pendelt. Von all dem und noch mehr handelt Sebastian Herrmanns unterhaltsames und lesenswertes Buch „Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren“.
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Wie alle Gebrauchsanweisungen“  aus dem Piper Verlag darf man natürlich auch bei diesem Buch den Titel nicht wortwörtlich verstehen — um einen Ratgeber, welcher Fahrradtyp am zu den eigenen Bedürfnissen passt, wie man einen platten Reifen flickt, oder wohin die nächste Radtour gehen könnte, handelt es sich nämlich ausdrücklich nicht. Vielmehr ist „Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren“  eine flammende Liebeserklärung an die schönste aller Fortbewegungsarten. Und Sebastian Herrmann weiß, wovon er spricht bzw. schreibt: Immerhin legt er bei Wind und Wetter die (einfach) mehr als 20 Kilometer lange Strecke von seinem Zuhause im Speckgürtel Münchens zu seinem Arbeitsplatz bei der Süddeutschen Zeitung, wo er als Redakteur im Wissenschaftsressort beschäftigt ist, auf dem Rennrad zurück und ist auch in der Freizeit regelmäßig auf dem Rad zu finden, gerne bei langen Touren über die Alpen an den Gardasee oder als Teilnehmer an diversen Ultra-Radmarathons. So sympathisch die ganzen Anekdoten von den Erlebnissen während dieser Touren auch geschildert sind, könnten sie für diejenigen unter den Leserinnen und Lesern, die eher in der Stadt oder am Wochenende gemütlich auf dem Land unterwegs sind, auf Dauer ein wenig ermüdend wirken, weil eben die Berührungspunkte zum eigenen Fahrradfahrerdasein nicht unbedingt vorhanden sind.

Uneingeschränkt großartig ist aber der Rest des Buches, der sich zusammensetzt aus einer sehr humorvollen und kenntnisreichen kleinen Kulturgeschichte des Radfahrens, den wohl allen bekannten Ärgernissen, denen man als Radler gerade im Stadtverkehr täglich begegnet, einem Lob des Fahrradfahrens als fast schon meditativer, glücklich machender Beschäftigung sowie dem Plädoyer, die Städte der Zukunft nicht mehr vornehmlich den Autos zu überlassen.

Es geht beim Fahrradfahren nicht nur darum, von A nach B zu kommen; nein, es geht darum, die weißen Flecken der Landkarte mit Farbklecksen zu füllen.
[…]
Wie schön könnten Städte sein, wenn sie für Fahrrad fahrende Flaneure optimiert und nicht nach den Bedürfnissen des Autoverkehrs gestaltet wären. Denn die innere Landkarte eines Radfahrers ist bunt und aufregend.

Das größte Verdienst dieses Buches ist aber wohl, dass es das Verlangen weckt, sich sofort nach der Lektüre aufs eigene Fahrrad zu schwingen und eine Runde zu drehen. Diesem Verlangen sollte man unbedingt nachgeben…


Sebastian Herrmann: Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren. Piper Verlag; ISBN: 978-3-492-27692-4; 224 Seiten; 15 Euro.

Wer mehr wissen möchte über die Frühzeiten des Radfahrens, dem sei als Ergänzung Uwe Timms Roman „Der Mann auf dem Hochrad“  wärmstens empfohlen. Bei dtv ist dieser Tage eine sehr schön aufgemachte Neuauflage des Buches erschienen.

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