Jørn Lier Horst: Wistings Cold Cases

Jorn_Lier_Horst

Eine skandinavische Herkunft war lange Zeit so etwas wie der Goldstandard für Kriminalliteratur — inzwischen gleichen aber leider auch viele Krimis und Thriller aus dem hohen Norden einer gemischten Schlachtplatte, die Spannung lieber durch immer krassere Gewalt- und Folterszenen erzeugt als durch eine klug aufgebaute Geschichte mit überraschenden Wendungen.

Der vielfach preisgekrönte Norweger Jørn Lier Horst und sein Kommissar William Wisting stellen da eine erfrischende Ausnahme dar. Die älteren — zum Teil auch verfilmten — Fälle des im Gegensatz zu all den depressiven, alkoholkranken und teils selbst kriminellen Kommissaren diverser anderer Krimireihen erfreulich unprätentiösen Ermittlers sind über die Jahre in eher loser Reihenfolge bei verschiedenen Verlagen erschienen, die neue „Cold Case“-Reihe bringt Piper in einheitlicher Aufmachung heraus. Auf die beiden bereits vorliegenden Bände „Wisting und der Tag der Vermissten“ und „Wisting und der fensterlose Raum“ folgt Ende November mit „Wisting und der Atem der Angst“ der dritte, erneut von Andreas Brunstermann ins Deutsche übersetzte Fall.

Ganz ohne Gewalt — ein Krimi braucht eben nun einmal ein oder mehrere Verbrechen — kommt natürlich auch Jørn Lier Horst nicht aus, aber in den zwei bereits erschienenen „Cold Cases“ für William Wisting stehen das Graben in der Vergangenheit und die Suche nach jahrelang übersehenen Verbindungen deutlich mehr im Fokus als blutgetränkte Schockmomente.

Die richtige Metapher für eine Ermittlung lautete nicht Schlüssel und Schloss, sondern Puzzlespiel, dachte Wisting. Manchmal allerdings gab es einfach zu viele Puzzlestücke, und einige gehörten sogar zu einem anderen Spiel.

In „Wisting und der Tag der Vermissten“ geht es um zwei gut 25 Jahre zurückliegende Vermisstenfälle und die Frage, welche Rolle ein alter Freund William Wistings wohl beim Verschwinden der beiden Frauen gespielt hat. Im etwas actionreicheren und fast noch spannenderen zweiten Band „Wisting und der fensterlose Raum“ rollen der titelgebende Polizist, seine Tochter Line, die als investigative Journalistin einen weiteren Blickwinkel zur Handlung beisteuert, und Adrian Stiller von der „Cold Case Unit“ einen alten, bislang ungeklärten Raubüberfall neu auf, als die immense Beute in der Wochendhütte eines kurz zuvor an Herzversagen gestorbenen Spitzenpolitikers gefunden wird.

Nicht nur auf übertriebene Gewaltdarstellungen verzichtet Jørn Lier Horst in seinen Büchern, sondern auch auf das einfache Gut-und-Böse-Schema. Den psychopathischen Bösewicht, der in vielen anderen Krimis eine tragende Rolle spielt, gibt es in den „Wisting“-Romanen nicht. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Täter gewöhnliche, weitgehend unbescholtene Menschen, die durch schlecht durchdachte Entscheidungen und eine Verkettung ungünstiger Umstände Schuld auf sich geladen haben. Jede*r von uns kann unter gewissen Voraussetzungen zur Täterin oder zum Täter werden, gibt Jørn Lier Horst zu bedenken — eine Erkenntnis, die letzten Endes erschreckender ist als das Unwesen all der spinnerten Serienmörder aus minderwertigeren Kriminalromanen.


Eine tolle Rezension zu „Wisting und der Tag der Vermissten“ findet sich bei Zeichen & Zeiten. Durch diesen Blogbeitrag bin ich überhaupt erst auf die Bücher von Jørn Lier Horst aufmerksam geworden — vielen Dank für die Empfehlung!

 

3 Kommentare zu „Jørn Lier Horst: Wistings Cold Cases

  1. Vielen Dank für die freundliche Erwähnung. Es freut mich sehr, dass Dir die Bücher so gut gefallen haben. Ich werde an den norwegischen Krimis dranbleiben. Jüngst habe ich auch Gunnar Staalesen für mich entdeckt – mit „Todesmörder“, ein sehr soziologischer Roman. Viele Grüße

    1. Das Buch kommt gleich mal auf die Liste. Varg Veum ist mir bisher nur von den Verfilmungen ein Begriff — erst einmal stehen aber auch da die beiden Wisting-Zweiteiler an. 🙂

      1. Ja, ich habe die Wisting-Zweiteiler in der Mediathek, werde sie mir auch bald mal anschauen. Varg Veum war mir bis ich das Buch gelesen habe, vollkommen unbekannt. Es gibt schon schöne Entdeckungen zu machen.

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