In Len Howards Vogelhaus

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Die Ornithologin Gwendolen „Len“ Howard (1894 — 1973) und ihre Arbeit sind inzwischen fast vergessen. Dabei wurden die Forschungsergebnisse der Britin, die sich insbesondere mit dem Verhalten und der Intelligenz von Kohlmeisen beschäftigte, in diversen Zeitschriften publiziert und die beiden Bücher „Birds as Individuals“ (1954 auch in der deutschen Übersetzung „Alle Vögel meines Gartens“ erschienen) sowie „Living With Birds“ waren seinerzeit Bestseller. Obwohl Len Howard, die nie Biologie studiert hat, ihrer Zeit voraus war und zu ähnlichen Themen forschte wie der spätere Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz, wurde sie gerade in der Welt der Wissenschaft nie so recht ernst genommen:

Das Buch von Konrad Lorenz […] wird viel ernster genommen, wahrscheinlich weil er eine entsprechende Ausbildung gemacht hat, wissenschaftliche Artikel schreibt, ein Mann ist. Dabei sind seine Beobachtungen weit weniger originell als meine.

Diese Klage stammt nicht etwa von Len Howard selbst, sondern wurde ihr von Eva Meijer in den Mund gelegt. Die niederländische Schriftstellerin und Philosophin wurde während ihres Studiums zufällig auf die eigenwillige Vogelkundlerin aufmerksam und widmete ihr den vielfach preisgekrönten Roman „Das Vogelhaus“ (deutsche Übersetzung von Hanni Ehlers). Das titelgebende Vogelhaus, ein abgelegenes Cottage in Sussex, spielt dabei erst in der zweiten Hälfte des Buches, das sich stellenweise wie ein von der Protagonistin verfasstes Memoir liest, eine zentrale Rolle. Als sich Len Howard nämlich dazu entschließt, ihr Leben und ihre Arbeit ganz den Kohlmeisen und anderen Gartenvögeln zu widmen und sich dafür weitgehend von der Welt und den Menschen zurückzuziehen, ist sie bereits über Vierzig und hat eine Karriere als erfolgreiche Violinistin in einem Londoner Orchester hinter sich.

Von diesem nicht unbedingt glücklichen Leben in der für sie stets fremden Großstadt und dem Aufwachsen in einem wohlhabenden, bildungsbürgerlichen Haushalt unter der Fuchtel einer strengen, launenhaften Mutter handelt der erste Teil des Romans. Schon da lernen die Leser*innen Len Howard als eine verträumte und etwas schrullige Außenseiterin kennen, die sich nicht den gesellschaftlichen Konventionen beugen will und keinen besonders guten Draht zu anderen Menschen hat. So gesehen ist die Entscheidung, die weite Welt und ihre Bewohner weitgehend auszuschließen — die Fenster und Türen des Vogelhauses stehen zwar den Vögeln immer offen, für die meisten Menschen dagegen ist das Häuschen tabu — nur konsequent.

Der Mensch sieht die anderen Lebewesen nicht richtig, weil er sich selbst für so wichtig hält.

Am Ende von Eva Meijers klugem Roman, in dem man der Hauptperson trotz der Ich-Perspektive allerdings leider nie so ganz nahe kommt, stellt sich die Frage, wer wohl mehr von wem abhängig war: Len Howard von „ihren“ Kohlmeisen oder umgekehrt. Vermutlich treffen beide Varianten gleichermaßen zu.


Eva Meijer: Das Vogelhaus (btb Verlag; 320 Seiten; 11 Euro). #supportyourlocalbookstore

Von Eva Meijer sind auf Deutsch außerdem zwei Sachbücher erschienen: „Die Sprachen der Tiere“ (Band 44 der „Naturkunden“-Reihe) und die Streitschrift „Was Tiere wirklich wollen“.


📷 das Beitragsfoto ist von mir

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