Ein anderes Miteinander

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Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist eines der Spezialgebiete der Philosophin und Autorin Eva Meijer. Bereits in ihrem Roman „Das Vogelhaus“ über die Ornithologin Len Howard hat sich die 1980 geborene Niederländerin auf literarische Art und Weise mit diesem Thema beschäftigt; der Essay „Was Tiere wirklich wollen“ (deutsche Übersetzung von Hanni Ehlers), der zum großen Teil auf den Gedanken von Eva Meijers Dissertation basiert, setzt sich wissenschaftlicher und theoretischer damit auseinander — Len Howard und „ihre“ Kohlmeisen kommen aber auch in diesem Text wieder vor.

Eva_MeijerDie Annahme, nur Menschen seien dazu in der Lage, politisch zu handeln, ist bereits mehrere Jahrtausende alt. Schon Aristoteles vertrat diese Ansicht, die nun gerade von der politischen Philosophie jedoch zunehmend angezweifelt wird. Das liegt zum einen daran, dass neuere wissenschaftliche Erkenntnisse die Trennlinie zwischen Mensch und Tier immer mehr verschwimmen lassen, zum anderen aber auch daran, dass Menschen und Tiere in zunehmend vielfältigen Beziehungen zueinander stehen. Politische Entscheidungen und Handlungen der Menschen haben oft unmittelbaren Einfluss auf das Leben und Sterben von Tieren, etwa durch den Beschluss, einen neuen Schlachthof zu eröffnen oder einen Wald für ein Gewerbegebiet abzuholzen. Solche Beispiele kennen sicher alle Leser*innen aus ihrem direkten Umfeld — deutlich komplexer und abstrakter wird es jedoch, wenn Eva Meijer erklärt, dass umgekehrt auch Tiere „politisch“ handeln, indem sie durch ihr Verhalten Einfluss auf das Leben des Menschen nehmen. Eine nicht unumstrittene These, zumal nicht geklärt ist, inwiefern diese Handlungen bewusst und gezielt sind.

Auch die Forderung, Tieren politische Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, mag sich zunächst etwas seltsam anhören, aber die mit vielen Beispielen und weiterführenden Literaturhinweisen versehenen Erläuterungen Eva Meijers sind sehr anschaulich und schlüssig. Gesteht man Tieren einen geschützten Lebensraum zu oder räumt ihnen unantastbare Grundrechte ein (zum Beispiel das Recht, nicht geschlachtet und verzehrt zu werden), hat dies eine politische Dimension, die mit der, die wir als Bürger*innen eines Staates gewohnt sind, vergleichbar ist.

Letztlich ist „Was Tiere wirklich wollen“ in erster Linie ein sehr anregendes Plädoyer für eine Abkehr vom Anthropozentrismus, also der Auffassung, der Mensch sei eine herausragende, den Tieren überlegene Art. Dass ein neues, klügeres und faireres Miteinander von Mensch und Tier im Interesse aller ist, zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise (in diesem Zusammenhang empfiehlt sich auch die Lektüre dieses Artikels von Judith Schalansky):

Die Welt, in der wir leben, gewinnt an Farbe und Kontur, wenn wir besser auf Tiere hören, sie besser wahrnehmen.

Einem ganz ähnlichen Thema wie Eva Meijer in ihrem Essay widmet sich übrigens auch die französische Philosophie-Professorin Corine Peluchon in ihrem „Manifest für die Tiere“, das im Oktober bei C. H. Beck erscheint.


Eva Meijer: Was Tiere wirklich wollen (btb Verlag; 160 Seiten; 20 Euro).
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* Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 großes Foto von Matthias Zomer via pexels.com, Coverfoto von mir

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