Der sechste Sinn

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Früher, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, war es für sie überlebenswichtig, die Zeichen der Natur richtig zu deuten. Ein nicht vorhergesehener Wetterumschwung, dem man schutzlos ausgesetzt war, konnte ebenso tödlich enden wie die unerwartete Begegnung mit einem wilden Tier oder ausbleibender Jagderfolg. Dementsprechend hatten unsere Vorfahren ein feines Gespür für kaum wahrnehmbare Veränderungen oder subtile Hinweise, die entscheidend waren für ihr Wohl oder Wehe. Im Laufe der Zeit verkümmerte dieser „sechste Sinn“ allerdings zunehmend — kein Wunder, denn der moderne Mensch muss sich kaum noch ohne Hilfsmittel in der freien Natur orientieren und die Nahrung kommt im Zweifelsfall aus dem Supermarkt.

20200615_140936_2Dass es aber ein großer Gewinn sein kann, dieses immer noch tief in uns verankerte Gespür für die Natur wieder zu aktivieren und zu trainieren, zeigt der Brite Tristan Gooley, in seiner Heimat auch als „Sherlock Holmes der Natur“ bekannt, in seinem lesenswerten Buch „Unsere verborgene Natur“ (deutsche Übersetzung von Jasmine Hofmann). Großartiges Vorwissen oder spezielle Fähigkeiten braucht es gar nicht, um die Zeichen in unserer Umwelt zu erkennen, denn unser Gehirn nimmt diese Hinweise sowieso unbewusst auf. Die Kunst besteht letztlich darin, sie wieder deuten zu können — und zwar am besten intuitiv. Dabei bezieht sich Tristan Gooley in erster Linie auf Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“.  Als „langsames Denken“ bezeichnet der Kognitionspsychologe Kahneman bewusstes Nachdenken über eine Sache, als „schnelles Denken“ dagegen Prozesse, die quasi von selbst ablaufen. Eine Fahrradfahrerin, die auf ihren Drahtesel steigt und losfährt, wendet also schnelles Denken an, während ein Schüler, der über einer komplizierten Matheaufgabe grübelt, vermutlich eher auf das langsame Denken zurückgreift.

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Ein zentrales Anliegen von Gooleys Buch ist es, dass seine Leser*innen in der Natur von langsamen zu schnellen Denkern werden, also Dinge durch Beobachtung einüben, bis sie irgendwann intuitiv wahrgenommen werden. Die Orientierung anhand der Sterne ist zum Beispiel für den Laien extrem kompliziert, weil es erst einmal Mühe bereitet, Sternbilder überhaupt zu erkennen und daraus Schlüsse über die Himmelsrichtungen zu ziehen. Mit viel Übung reicht aber eines Tages ein kurzer Blick in den Nachthimmel, um sofort zu wissen, wo Norden ist. Ähnliche Beispiele gibt Tristan Gooley in seinem anekdotenreichen, im sympathischen Plauderton erzählten Buch in großer Zahl. So erfahren wir, wie wir Bewegungsmuster von Tieren erkennen und vorhersagen können, was der Pflanzenwuchs auf dem Boden über das Alter eines Waldes aussagt, wie wir Vögel schon im Vorbeifliegen richtig zuordnen oder wie wir uns anhand der Form von Bäumen im offenen Gelände orientieren können.

Viele Dinge erscheinen sofort plausibel, andere lassen einen schon beim Lesen zweifeln, ob man sie trotz jahrelanger Übung jemals wird umsetzen können. Letztlich ist das aber egal, denn schließlich geht es nicht darum, einen Wettkampf zu gewinnen, sondern mit wachen Sinnen und großer Lust am Entdecken durch die Natur zu streifen. Die Lust, nach Draußen zu gehen, weckt Tristan Gooley mit „Unsere verborgene Natur“ jedenfalls allemal.


Tristan Gooley: Unsere verborgene Natur. Honig hören, die Himmelsrichtung fühlen, die Dämmerung riechen – Wie wir unser angeborenes Gespür für die Natur wiederentdecken (Ludwig Verlag, 416 Seiten, 22 Euro).
#supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den Ludwig Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Naturfoto von Efdal YILDIZ via Pexels.com, Buchfotos von mir

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