Unterwegs in Italien

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Seit Goethes „Italienischer Reise“ ist das Land südlich der Alpen ein Sehnsuchtsziel nicht nur der Deutschen. Und damit beginnt schon die ganze Misere — malerische, oft in den höchsten Tönen besungene Orte ziehen nun einmal ganz viele andere Menschen an und sind auf einmal gar nicht mehr malerisch, sondern überfüllt, laut und ganz dem Kommerz unterworfen. Venedig mag einem da als besonders abschreckendes Beispiel einfallen, aber auch stundenlanges Anstehen vor den Uffizien bei brütender Sommerhitze oder grölende Jungesell*innenabschiede am Adriastrand werfen einen dunklen Schatten auf so manche Italienreise.

Deshalb ist es nicht nur in Corona-Zeiten sinnvoll, die Dinge mit einem gewissen Sicherheitsabstand zu betrachten und sich bequem vom heimischen Leseplätzchen aus von einem kundigen Begleiter herumführen zu lassen. Für Italien kann man sich dabei kaum einen besseren Reiseführer vorstellen als Hanns-Josef Ortheil, für den das Land in den fünf Jahrzehnten seit seinem ersten, prägenden Aufenthalt in Rom als Abiturient zu einer zweiten Heimat geworden ist. Mehr als 15 Bücher des sehr produktiven Schriftstellers drehen sich ganz oder teilweise um Italien — „Italienische Momente“ ist nun eine kommentierte Auswahl von Passagen aus diesen mal fiktiven, mal autobiographischen Werken.

Rom nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Wie erwähnt, war die Ewige Stadt nicht nur die erste Italienerfahrung des damals hoffnungsvollen jungen Pianisten, sondern auch später im Leben immer wieder das Ziel längerer Aufenthalte, zum Beispiel als Stipendiat in der Villa Massimo, der Deutschen Akademie. Natürlich darf im Rom-Part des Buches auch der alte Goethe nicht fehlen, dem wir bei seiner Ankunft in der Stadt im Oktober 1786 begegnen.

Auch in Venedig spazieren wir mit einem berühmten Schriftsteller umher, nämlich mit Ernest Hemingway, dem Ortheil im vergangenen Jahr den Roman „Der von den Löwen träumte“ widmete. Außerdem erfahren wir, dass Hanns-Joseph Ortheil bei seinem ersten Venedig-Besuch 1970 gleich der Trauerfeier von Igor Strawinsky beiwohnte und lernen, was eine gute Bar, Dreh- und Angelpunkt des italienischen Soziallebens, ausmacht:

Die Qualität einer Bar bemisst sich nicht selten an der Qualität ihres Cappuccino. In schlechten Bars verliert sich der dünne Schaum schon beim Servieren im Caffè und löst sich schon bald in einer milchigen Brühe auf; in einer guten Bar aber ist er beinahe so steif wie Eierschnee und kragt leicht über den Rand der Tasse. Wenn Du sie jetzt an die Lippen setzt, spürst Du zuerst das weiche Schaumbett der Milch, dann strömt der Caffè aus der Tiefe nach und lagert sich auf diesem Bett, es ist, als hättest Du eine luftige, flüssige Praline zu Dir genommen.

Später geht es weiter nach Sizilien, wo die Feinheiten des Dorfklatsches ergründet werden und natürlich an die Strände der Adria, wo sich die Zeit im besten Fall zwischen Liegestuhl und dem sanften Meeresrauschen komplett auflöst.

„Italienische Momente“ ist ein wunderbares Sommerbuch, das zum neugierigen Flanieren und zum Entdecken der Bücher des großen Erzählers und feinen Beobachters Hanns-Josef Ortheil einlädt, es aber auch verzeiht, wenn man mal ein paar Seiten überfliegt oder sogar überblättert.


Hanns-Josef Ortheil: Italienische Momente (btb Verlag, 320 Seiten, 12 Euro). #supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir

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