Weit weg von Manhattan

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Red Hook, Brooklyn: Am Ende eines flirrend heißen Sommertages tragen die Teenagerinnen Val und June ein rosafarbenes Schlauchboot durch die nächtlichen Straßen ihres Viertels. Sie wollen zu den Piers und dann raus aufs Wasser — dorthin, wo in der Ferne die Lichter Manhattans glitzern wie die Verheißung einer besseren Zukunft. Warum die beiden 15-Jährigen dieses Wagnis eingehen, ist ihnen selbst nicht ganz klar. Sie wollen einfach raus, der Langeweile entfliehen. Überhaupt fühlen sie sich in ihrer Gegend wie Fremdkörper. Sie sind längst keine Kinder mehr, gehören aber auch noch nicht zu den coolen Highschool-Kids. Von den Gangs in den Projects, den Sozialbauten am Rande Red Hooks, halten sie sich lieber fern und die Hipster, die die Gegend zunehmend bevölkern, scheinen sowieso von einem anderen Stern zu kommen. Deshalb eben die Idee mit dem Schlauchboot — die hatte sonst keiner.

Am Ende kommt nur eines der beiden Mädchen zurück an Land: Val wird am nächsten Morgen halb tot am Ufer gefunden, June dagegen bleibt verschwunden. Ein tragischer Unfall oder ein Verbrechen? So oder so haben die Ereignisse weitreichende Folgen für die Figuren, die wir in Ivy Pochodas Roman „Visitation Street“ (deutsche Übersetzung von Barbara Heller) kennenlernen — und zwar nicht nur für die schwer traumatisierte Val. Da ist zum Beispiel Cree, ein etwas eigenbrötlerischer angehender Student aus den Projects, der trotz dünnster Beweislage schnell ins Visier der Polizei gerät:

[…] bei so einem Verbrechen können es die Cops kaum erwarten, einen Schwarzen einzubuchten. Auch wenn es gar kein Verbrechen gibt. Die behalten dich im Auge. An so was muss man denken, wenn man überleben will.

Oder Jonathan, einst ein aufstrebender Broadway-Star, der es aber nie geschafft hat, in die Fußstapfen seiner immens erfolgreichen Mutter zu treten und letzten Endes als Musiklehrer und Gelegenheits-Barpianist in Red Hook gelandet ist, wo er eine falsche Entscheidung nach der anderen trifft. Und natürlich der libanesische Kioskbetreiber Fadi, der aus seinem Laden den sozialen Treffpunkt der Nachbarschaft machen möchte, sich nach dem Vorfall mit dem Schlauchboot aber zunehmend in Klatsch und Tratsch verstrickt. Allen ist gemein, dass sie von einer besseren Zukunft außerhalb ihres Viertels träumen, aber doch nahezu unlösbar mit Red Hook verbunden sind — nicht zuletzt der Geister der Vergangenheit wegen, die durch die Straßen spuken.

Obwohl Ivy Pochodas Roman bereits 2013 entstand (der Nachfolger „Wonder Valley“ liegt schon seit letztem Jahr in deutscher Übersetzung bei ars vivendi vor), könnte er auch gut und gerne in diesem Sommer spielen, wobei die Thematik um „Black Lives Matter“ nur eine eher untergeordnete Rolle einnimmt. Vielmehr ist der Amerikanerin, die einst übrigens unter den Top-50 der Squash-Weltrangliste zu finden war, eine vielschichtige Charakterstudie und ein tolles Porträt eines Viertels und seiner Bewohner*innen gelungen. Die Sprache ist rau, aber doch poetisch, die Figuren sind trotz all ihrer Fehler größtenteils liebenswert und sogar Red Hook strahlt einen gewissen Charme aus, den man als Leser*in unweigerlich mit New York City verbindet.


Ivy Pochoda: Visitation Street (ars vivendi Verlag; 310 Seiten; 22 Euro).
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* Vielen Dank an den ars vivendi Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir