Zurück in gewohnter Form

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Kiepenheuer & Witsch

Die autobiographisch geprägten Romane von Joachim Meyerhoff gehören zu meinen Lieblingsbüchern der vergangenen Jahre. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, den dritten Band der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, würde ich sogar ohne Zögern in die Liste meiner fünf Allzeit-Favoriten aufnehmen. Umso erfreulicher also, dass der Autor mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ nach dem nicht ganz so herausragenden vierten Teil „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ wieder zu gewohnter Form zurückfindet.

Das Tragische mit dem Komischen zu verbinden, war schon immer die große Stärke von Joachim Meyerhoff. Dass das auch diesmal wunderbar gelingt, ist angesichts des ernsten und bedrückenden Grundthemas des Buches nicht selbstverständlich. „Hamster im hinteren Stromgebiet“ nämlich beginnt mit einem Schlaganfall, den der damals am Wiener Burgtheater beschäftigte Schauspieler Meyerhoff an einem Freitagnachmittag kurz nach seinem 51. Geburtstag erleidet, als er gerade seiner Tochter bei den Schularbeiten hilft. Trotz einer schnellen Reaktion beginnen bange Stunden, denn der gerufene Notarztwagen fährt wegen der fehlenden Freigabe der Zentrale einfach nicht los. Dabei gilt bei einem Schlaganfall doch die Faustregel „Zeit ist Hirn“, wie der bleibende Schäden befürchtende Protagonist besorgt feststellt.

Natürlich wusste ich, dass ein Lebensfaden jederzeit reißen kann. Dennoch möchte ich davon erzählen, wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz von einem Moment auf den anderen abhandenkommt. Man eben noch das war und jetzt dies sein soll.

Joachim Meyerhoff

Ein Schauspieler, der Probleme hat, sich seine Texte zu merken oder gar halbseitig gelähmt ist? Undenkbar — vor allem für einen wie Meyerhoff, der sich immer völlig verausgaben muss, „um auf der Bühne zu leuchten“.

Obwohl sich der Schlaganfall glücklicherweise als weniger schwer herausstellt und eine vollständige Genesung in Aussicht steht (die Ärzte im Wiener Spital sprechen verniedlichend von einem „Schlagerl“), hadert der Erzähler mit seinem Schicksal. Warum er und warum so früh? Gab es Warnzeichen, die er übersehen hatte? Was, wenn dem ersten Schlaganfall noch ein weiterer, deutlich schwererer folgen würde? All diese Gedanken bringen Joachim Meyerhoff um den Schlaf. Überhaupt versucht er, das Einschlafen zu vermeiden, aus Angst, nicht mehr aufzuwachen. So liegt er im Mehrbettzimmer der Intensivstation wach, ruft sich Textzeilen aus Stücken ins Gedächtnis und erinnert sich an Ereignisse aus seinem Leben.

Gerade aus diesen Erinnerungen speisen sich — neben diversen fein beobachteten Absurditäten des Klinikalltags — die komischen Momente des Buches. Herrlich, wie er auf einer Reise in den Senegal mit seiner Lebensgefährtin Sophie in jeglicher Hinsicht an die Grenzen der Belastbarkeit gerät oder wie ein Wortgefecht mit einer Wiener Seniorin vor der Kindertagesstätte seiner Tochter beinahe mit Handgreiflichkeiten endet. Solche zuweilen köstlichen Momente gibt es in „Hamster im hinteren Stromgebiet“ zuhauf, wobei sie trotz eines kurzen Gastauftritts der wunderbaren Großmutter aus „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ („Mooaaahhh!“) gelegentlich ein wenig zusammengewürfelt wirken. Aber so ist das nun einmal, wenn die Gedanken im Kopf Karussell fahren.

Die tragischeren Momente bleiben diesmal länger im Gedächtnis haften als die komischen. Es sind berührende Szenen, wenn es der Erzähler nicht übers Herz bringt, seiner Mutter bei einem Telefonat mitzuteilen, dass er einen Schlaganfall hatte und im Krankenhaus liegt, oder wenn er sich nach einem Besuch von Frau und Töchtern fragt, wie er diese missliche Lage nur meistern könnte, wenn er keine Familie an seiner Seite wüsste.

Die „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe gilt zwar eigentlich als abgeschlossen, aber dennoch hoffe ich sehr, dass uns Joachim Meyerhoff nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Autor noch lange erhalten bleibt — natürlich stets bei allerbester Gesundheit.

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7 Kommentare zu „Zurück in gewohnter Form

    1. Ja, ich bin sehr froh, dass mir das neue Buch wieder besser gefallen hat als der Vorgänger. Aber „Ach, diese Lücke…“ bleibt weiterhin mein klarer Favorit — das muss ich unbedingt ein weiteres Mal lesen (oder hören — die von Joachim Meyerhoff selbst gesprochenen Hörbücher sind nämlich auch super).

      Grüße und einen schönen Sonntag! 🙂

      1. Da ich von den ersten drei Bänden auch schwer begeistert war, bin ich guter Dinge. Den vierten hatte ich angefangen, aber zunächst abgebrochen. Den werde ich dann wohl zunächst noch einmal probieren. Muss ja alles seine Ordnung haben 🙂

      2. Das stimmt. Mir sind im neuen Buch Anspielungen auf Ereignisse aus den ersten drei Bänden aufgefallen (der früh gestorbene Bruder, das Aufwachsen auf dem Gelände der Psychiatrie, die Großeltern und die Schauspielschule in München), aber von Band 4 ist mir nichts ins Auge gesprungen. Da kann ich mich aber insgesamt kaum an Szenen bzw. Figuren erinnern.

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