Norwegisches Trio, Teil 2

In diesem Herbst erscheinen gleich drei Bücher des Norwegers Jørn Lier Horst auf Deutsch. „Blindgang“, der zehnte Fall für William Wisting, wurde hier bereits vorgestellt, „Wisting und der Atem der Angst“ folgt dann Ende November. Während William Wisting also längst ein alter Bekannter ist, treffen wir Leser*innen in „Blutzahl“, das Jørn Lier Horst gemeinsam mit seinem Besteller-Kollegen Thomas Enger verfasst hat, auf neue Charaktere, allen voran Kriminalhauptkommissar Alexander Blix und die Promijournalistin Emma Ramm.

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Blanvalet Verlag

Ein wenig erinnert diese Figurenkonstellation an die von Lier Horsts Cold-Case-Reihe, in der die Ermittler von William Wistings Tochter, der Journalistin Line (die in „Blutzahl“ einen winzigen Gastauftritt als Teilnehmerin einer Pressekonferenz hat), unterstützt werden. Abgesehen davon ist der Auftakt der neuen Reihe aber ganz klar im Thriller-Genre angesiedelt — akribische Ermittlungsarbeit findet man kaum, dafür aber jede Menge Cliffhanger und ein deutlich höheres Tempo als bei den „Wisting“-Krimis. Erfreulicherweise verzichten die beiden Autoren aber auf allzu drastische Gewaltdarstellungen. Der reißerische deutsche Titel „Blutzahl“ führt da in eine etwas falsche Richtung; stattdessen wäre der Originaltitel „Nullpunkt“ die deutlich bessere Wahl gewesen.

Immerhin steht ein Countdown im Mittelpunkt des Geschehens. Als die berühmte Leichtathletin Sonja Nordstrøm ausgerechnet am Veröffentlichungstag ihrer Autobiografie spurlos verschwindet, deutet alles noch auf eine Beziehungstat hin. In ihrem Buch rechnet die streitbare Sportlerin nämlich mit ihrer Konkurrenz ab und lässt dabei von Dopingvorwürfen bis hin zu Gerüchten über sexuellen Missbrauch kaum etwas aus. Erste Zweifel an der Theorie eines persönlichen Rachefeldzugs kommen aber bereits auf, als die Leiche des dänischen Fußballstars Jeppe Sørensen gefunden wird, der mit Sonja Nordstrøm nichts gemeinsam hat als eine gewisse Prominenz. In den kommenden Tagen tauchen zudem noch die Leichen eines Reality-TV-Sternchens, eines Fernsehpredigers und eines alternden Popstars auf. Spätestens dann sind sich die Ermittler um Alexander Blix und Emma Ramm, die für ein Online-Nachrichtenportal über die Fälle berichtet, sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden und Nordstrøms Verschwinden gibt. Offenbar treibt ein Serientäter sein Unwesen, dessen Verbrechen einen Countdown darstellen, der noch längst nicht bei Null angelangt ist.

Mit „Blutzahl“ ist Thomas Enger und Jørn Lier Horst ein vielversprechender Auftakt zu ihrer gemeinsamen Reihe gelungen, wobei für die kommenden Fälle („Blutnebel“ erscheint nächsten März, Band 3 folgt im Herbst 2021) durchaus noch Luft nach oben ist. Die sympathischen Hauptfiguren feiern einen starken Einstand, der — wie bereits erwähnt — Lust auf mehr macht. Die teilweise etwas unrunde Handlung kann da nicht ganz mithalten. Während ich mir an manchen Stellen etwas mehr Rasanz gewünscht hätte, wurde mir der Schluss etwas zu hastig und oberflächlich abgehandelt. Vor allem hätten dem Täter (der an eine der bekanntesten Figuren der Filmgeschichte erinnert — welche, wird natürlich nicht verraten) und seinen Beweggründe ruhig mehr Raum und vor allem mehr Tiefe eingeräumt werden dürfen. Trotzdem ein unterhaltsamer Thriller und eine Reihe, die ich gerne weiter verfolgen werde.

  • Thomas Enger, Jørn Lier Horst: Blutzahl (deutsche Übersetzung von Maike Dörries und Günther Frauenlob; Blanvalet Verlag; 480 Seiten; 11 Euro). — VIELEN DANK AN DEN VERLAG FÜR DIE BEREITSTELLUNG DES REZENSIONSEXEMPLARS!

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