Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © ars vivendi Verlag

Seit ein paar Jahren erfreut sich „True Crime“ stetig wachsender Beliebtheit. Unzählige Bücher, Magazine und Podcasts widmen sich inzwischen der Aufarbeitung älterer Gewaltverbrechen. Allein der Hinweis „nach einer wahren Begebenheit“ sorgt offenbar für ein wohliges Gruseln beim Publikum und lässt gerne vergessen, dass es sich bei einer Mehrzahl der aktuellen Formate um reißerischen Quatsch handelt. Egal, denn „authentisch“ verkauft sich scheinbar gut…

Zum Glück hat das Genre aber auch immer wieder Glanzlichter zu bieten. Allen voran natürlich Truman Capotes wegweisenden Klassiker „Kaltblütig“ oder „Mord im Auftrag Gottes“ von Jon Krakauer. Auch Alex Marzano-Lesnevichs 2017 erschienenes und nun auch auf Deutsch vorliegendes „Verbrechen und Wahrheit“ gehört zweifelsohne zu den bemerkenswerten Vertretern des „True Crime“. Vor allem, weil die Autorin nicht nur ein Verbrechen beschreibt, sondern es mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in Verbindung setzt. Die Unterzeile der Originalfassung, „A Murder and a Memoir“, fasst das sehr treffend zusammen.

Aber von Anfang an: Im Jahr 2003 tritt Alex Marzano-Lesnevich, damals Jura-Studentin in Harvard und selbst Kind zweier Anwälte, eine Praktikumsstelle in einer Kanzlei in Louisiana an. Dass es ausgerechnet diese Kanzlei ist, ist kein Zufall, liegt ihr Tätigkeitsschwerpunkt doch darin, Wiederaufnahmeverfahren für zum Tode Verurteilte anzustrengen. Der ideale Ort für die Erzählerin, die eine vehemente Gegnerin der Todesstrafe ist und glaubt, nichts könne sie jemals von dieser Überzeugung abbringen. Doch dann geschieht gleich zu Beginn des Praktikums etwas Unvorhergesehenes: Alex Marzano-Lesnevich sieht Videoaufnahmen von Ricky Langley, einem Klienten der Kanzlei, dessen Fall bald neu verhandelt werden soll. Gut zehn Jahre zuvor war Langley, ein einschlägig bekannter Sexualstraftäter, wegen des Mordes an einem kleinen Jungen zum Tode verurteilt worden. Nun sollte die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt werden — an der Täterschaft des zum Zeitpunkt des Mordes 26 Jahre alten Ricky Langley bestand indes nie ein Zweifel. Umso mehr sich die angehende Juristin in den Fall einliest, umso mehr kommt sie zu einer erschreckenden Erkenntnis, die in keiner Weise mit ihren Idealen vereinbar ist: Sie will, dass der Mann für seine Tat mit dem Leben bezahlt.

An dieser Stelle zieht Alex Marzano-Lesnevich, die auch wegen der Erfahrung im Fall Ricky Langley nach Abschluss ihres Studiums keine Karriere in der Justiz verfolgte, sondern sich dem Schreiben und Unterrichten zuwandte, eine weitere Handlungsebene ein, nämlich die Erlebnisse ihrer eigenen Kindheit. Aufgewachsen ist die Autorin in einer dem ersten Anschein nach bilderbuchhaften Familie, auf der jedoch schon immer ein paar dunkle Schatten lasteten, über die gerne geschwiegen wurde. Im Zentrum des Ganzen stand der Großvater, der Alex und eine ihrer Schwestern jahrelang sexuell missbrauchte und sich vermutlich auch schon früher an fremden Kindern vergangen hatte.

Jedes Mal, wenn wir die Geschichte erzählen würden, könnten wir sie anders erzählen.

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

Äußerst geschickt und in einer klaren, nüchternen Sprache verknüpft Alex Marzano-Lesnevich diese beiden Ebenen und schafft es so, ein stimmiges Gesamtbild zu zeichnen. Dabei bleibt „Verbrechen und Wahrheit“ stets vielschichtig und vermeidet vorschnelle Urteile. Reißerische Passagen finden sich in dem Buch nicht und auch von der „Faszination des Bösen“, die in anderen Werken des Genres gerne beschworen wird, ist hier zum Glück nichts zu spüren. Im Gegenteil: Den leider allzu oft sträflich vernachlässigten Opfern wird viel Platz eingeräumt und selbst die Täter sind keine holzschnittartigen Monster, sondern Menschen, die ihrer schrecklichen und nicht zu rechtfertigenden Vergehen eben auch über gewisse positive Charaktereigenschaften verfügen.

Letztlich wird jede Geschichte davon beeinflusst, wer sie erzählt und welche Perspektive der oder die Erzähler*in wählt. Alex Marzano-Lesnevich jedenfalls hat in ihrem Buch eine sehr persönliche und faszinierende Perspektive gefunden, die dafür sorgt, dass man noch lange über die Lektüre nachdenkt.

** Auf der Webseite von Alex Marzano-Lesnevich finden sich zahlreiche Fotos, Videos und interessante Einblicke in die Recherche zum Buch. **

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit
aus dem Englischen von Sigrun Arenz
ars vivendi Verlag, 390 Seiten, 23 Euro
ISBN: 978-3-7472-0190-9

** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **

2 Kommentare zu „Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

  1. Ein höchst schwieriges Buch, doch dein Beitrag sehr interessant und informativ! Obwohl ich der Handlung mit Spannung gefolgt bin, fand ich den Text als Roman eher misslungen. Dennoch ist der Fall und die Behandlung des Sachverhalts interessant gelöst. Es ist zweifelsohne höchst kompliziertes Material sowohl als Roman als auch persönliche Erfahrung.
    Ich lies übrigens die englischsprachige Ausgabe, als sie noch nicht nonbinär war und Alexandria hieß, weswegen mich der Titel – bis zur schnellen Google-Suche – kurz verwirrt hat. 😄

    1. Die Bezeichnung „Kriminalroman“ hat mich auch ziemlich verwirrt. Natürlich sind viele Passagen, gerade zu lang zurückliegenden Handlungen und Gedanken von Personen zwangsläufig fiktiv, aber unter einem „Krimi“ stelle ich mir doch etwas anderes vor. Da trifft es die Original-Unterzeile „A murder and a memoir“ doch deutlich besser.

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