Fiona Mozley: Elmet

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Für ihr Romandebüt „Elmet“ wurde die Britin Fiona Mozley mit Lob überschüttet und mit Preisen überhäuft — unter anderem schaffte es das 2017 erschienene und nun auch auf Deutsch vorliegende Buch auf die Shortlist des Man Booker Prize. Zu Recht, denn der Erstling der 1988 geborenen Autorin und Buchhändlerin ist wahrlich eine Wucht. Müsste man dem Roman einen Geruch zuordnen, wäre wohl eine Mischung aus Blut, feuchtem Moos und verbranntem Holz die beste Wahl…

Elmet war einst ein unabhängiges keltisches Königreich und lange Zeit Zufluchtsort für allerlei Außenseiter. Letzten Endes hat sich daran bis heute nicht allzu viel geändert, denn die Gegend in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire ist geprägt von einer hohen Arbeitslosenquote, Armut und sozialer Ungleichheit. Zu den Menschen, mit denen es das Leben nicht besonders gut gemeint hat, gehören auch John Smythe und seine beiden halbwüchsigen Kinder Cathy und Daniel (der sensible 14-Jährige fungiert im Roman als Ich-Erzähler), die es nach dem Tod der fürsorglichen Großmutter und dem Verschwinden der drogenabhängigen Mutter aus der Stadt in ein selbst gebautes kleines Haus am Waldrand verschlagen hat. Das Leben dort ist einfach, aber letztlich fehlt es der Familie an nichts. Statt zur Schule zu gehen, werden die Kinder von einer älteren Frau aus dem Dorf notdürftig unterrichtet, während John sein Geld mit Gelegenheitsjobs, illegalen Faustkämpfen auf Jahrmärkten und „Gefallen“ für Freunde verdient. In der gesamten Gemeinschaft herrscht eine unsichtbare Hierarchie, auf deren unterster Stufe einfache, arme Leute wie John und seine Kinder stehen, während wenige Großgrundbesitzer das Sagen haben — meist nach den Regeln, die sie selbst aufgestellt haben. So dauert es nicht lange, bis der einflussreiche Mr. Price bei der Familie auftaucht und behauptet, ihr Haus stünde auf seinem Grund und Boden. John will sich das nicht gefallen lassen und wird zu einer zentralen Figur für die ärmeren Arbeiter und Mieter, die sich gegen die Willkür der Grundbesitzer und Arbeitgeber zur Wehr setzen. Allerdings muss er bald anerkennen, dass das über Generationen gewachsene Klassengefüge nicht so einfach zu sprengen ist und dass man sich besser nicht mit den Mächtigen der Gegend anlegt.

In der Wahrheit liegt Macht. Im Aussprechen dessen, was man wirklich meint. In der Geradlinigkeit.

Fiona Mozley: Elmet

Daran, dass John, Cathy und Daniel zu den vom Schicksal arg Gebeutelten gehören, die es nie auf einen grünen Zweig schaffen, lässt Fiona Mozley zu keiner Zeit Zweifel aufkommen. So lässt sich das drohende Unheil bereits in den ruhig erzählten, wenig ereignisreichen ersten Kapiteln von „Elmet“ erahnen. Mit zunehmender Dauer verstärkt sich das Gefühl eines heraufziehenden Sturms immer mehr und der Roman nimmt deutlich an Fahrt auf, bis sich alles in einem drastischen Finale, das nichts für zartbesaitete Leser*innen ist, entlädt. Ein ähnlich dramatischer Showdown ist mir zuletzt vor Jahren in Thomas Willmanns fulminantem Alpenwestern „Das finstere Tal“ begegnet, wobei sich dort schließlich alles einigermaßen zum Guten wendet. In „Elmet“ lässt Fiona Mozley das Ende hingegen weitgehend offen, aber zumindest besteht die vage Hoffnung, dass auf Daniel und Cathy womöglich doch eine etwas freundlichere Zukunft wartet.

Fiona Mozley: Elmet
deutsch von Thomas Gunkel
btb Verlag, 320 Seiten, 12 Euro
ISBN: 978-3-442-77043-4


** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **

2 Kommentare zu „Fiona Mozley: Elmet

    1. Danke! Ich hoffe, Dir gefällt das Buch — ich brauchte am Anfang ein wenig, um hineinzufinden, aber dann hat mich die Geschichte doch sehr gepackt…

      Viele Grüße und ein schönes Wochenende!

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