Zurück im Koselbruch

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Zu den unvergessenen Leseerlebnissen meiner Kindheit gehört ohne jeden Zweifel die erste Lektüre von Otfried Preußlers Roman „Krabat“. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich damals war — vermutlich ein wenig jünger als die vom Verlag als empfohlenes Lesealter angegebenen zwölf Jahre — aber daran, wie sehr mich die auf einer sorbischen Volkssage basierende Geschichte um den Waisenjungen Krabat, den es als Lehrburschen in die verwunschene Mühle im Koselbruch verschlägt, in ihren Bann zog, erinnere ich mich noch sehr genau.

Grund genug, das Buch fast drei Jahrzehnte später noch einmal hervorzuholen. Den perfekten Zeitpunkt zur „Wiedervorlage“ habe ich leider um ein paar Tage verpasst — immerhin spielen einige zentrale Teile der Handlung, inklusive des überraschend kurzen und vergleichsweise wenig spektakulären Showdowns zwischen Krabat und dem Meister in den Raunächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Egal, denn das Buch hat mich auch so ein weiteres Mal ziemlich beeindruckt und bestens unterhalten. Da die Geschichte im frühen 18. Jahrhundert und damit sowieso in einer längst vergangenen Zeit angesiedelt ist, fallen die Jahre zwischen dem ersten und zweiten Lesen kaum ins Gewicht und überhaupt macht der Roman auch heute noch einen erfreulich frischen Eindruck. Zauberei, ein paar dramatische Wendungen, Freundschaft und ein klein wenig Romatik gehen ja wirklich immer.

„Manches im Leben“, sagte der Altgesell, „kann sich mancher nicht vorstellen, Krabat. Man muß damit fertig werden.“

Otfried Preußler: Krabat

Ich war beim Lesen immer wieder erstaunt, an wie viele Details ich mich tatsächlich noch erinnern konnte. Gerade die Passagen aus den Osternächten, an denen die Müllergesellen bis zum Morgengrauen an einem Ort ausharren müssen, an dem schon einmal ein Mensch ums Leben gekommen ist, waren mir noch sehr präsent. Vermutlich hat mich das früher tief beeindruckt. Andere Sachen dagegen waren mir in der Zwischenzeit komplett entfallen. Dass „Krabat“ nicht nur ein ernster und oft gruseliger, sondern stellenweise auch sehr lustiger Roman ist, hatte ich nahezu vergessen. Herrlich zum Beispiel die Szene, in der die Müllerburschen einen Trupp Werber der kurfürstlichen Armee zum Narren halten und ihnen dann — nach einer Verwandlung in Raben — entwischen („…und zum Abschied bedeckten sie Hut und Schultern des Herrn Obristen — wenngleich nicht gerade mit Ruhm.“).

Manchmal liest man Bücher ein zweites Mal und fragt sich, was man seinerzeit daran gefunden hat. Bei „Krabat“ ist das zum Glück nicht der Fall — Otfried Preußler ist damit ein zeitlos guter Klassiker geglückt. Damals wie heute eines meiner Lieblingsbücher.

  • Otfried Preußler: Krabat (Thienemann; 256 Seiten; ISBN: 978-3-522-20234-3)

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8 Kommentare zu „Zurück im Koselbruch

  1. Gerade vor ein paar Tagen habe ich noch gedacht, dass ich das Buch einmal wieder zur Hand nehmen oder die Verfilmung anschauen müsste. Dann ist mir aufgefallen, dass ich das Werk gar nicht selbst besitze und damals wohl ein Exemplar aus der Schulbibliothek gelesen habe. Ich hoffe, dass es mir mit der Geschichte wie dir gehen wird und dass sie mir immer noch so gut gefällt, wie damals.

    Ich bin vor gut einem Jahr nach Dresden gezogen und bin erstaunt, wie viel präsenter alte Sagen wie „Raunächte“ und die „Wilde Jagd“ hier sind – dabei ist es noch ein Stück bis ins sorbische Siedlungsgebiet. Faszinierend. Jetzt bleibt mir nur noch, mir auch einmal eine schöne Ausgabe von „Krabat“ zuzulegen.

    Viele Grüße, Jana

    1. Das finde ich schön, dass die alten Sagen mancherorts immer noch sehr präsent sind und weitergegeben werden. Im südlichen Bayern und in Österreich erfreuen sich die Raunacht- und Fastnachtsbräuche seit ein paar Jahren auch wieder steigender Beliebtheit, wobei das dort leider oft in Richtung folkloristisches Touristenspektakel ausartet.

      Die neuere Verfilmung möchte ich mir demnächst auch mal ansehen — ich glaube, ich habe die bisher nur zum Teil gesehen. Aber das Buch selbst ist natürlich unschlagbar.

      Viel Freude schon jetzt beim Lesen und schöne Grüße
      Christoph

  2. Auch ich habe Krabat vor einiger Zeit im Erwachsenenalter ein zweites Mal gelesen und war ein zweites Mal begeistert. Die Bücher von Otfried Preußler haben mich in meiner Kindheit – wie auch Erich Kästner oder Astrid Lindgren – immer begleitet und sie haben ihren Zauber für mich auch nach Jahrzehnten nicht verloren. Ein schöner Beitrag, der sofort positive Erinnerungen geweckt hat. Danke dafür und herzliche Grüße, Barbara

    1. Ich finde es schön, dass einen manche Dinge durchs Leben begleiten und einem immer Freude bereiten — egal, wie alt man ist. Astrid Lindgren und Erich Kästner gehören beim mir auch dazu, ebenso wie Paul Maar und Michael Ende.

      Leider ist das ja nicht immer so. Als Kind habe ich die kindgerechte Version von „Robinson Crusoe“ gelesen und war völlig begeistert von der Geschichte. Als Erwachsener habe ich dann das Original gelesen und war ziemlich enttäuscht — das hat meinen positiven Kindheitserinnerungen doch einen ziemlichen Dämpfer verpasst. 😦

      Viele Grüße
      Christoph

  3. Ach, Krabat… Es muss 40 Jahre her sein, dass ich das Buch gelesen habe, aber die Handlung ist bis heute präsent. Das kann ich wirklich nicht über jedes der von mir gelesenen Bücher behaupten. In den Tiefen meiner Bücherregale müsste sich auch noch das Exemplar von damals befinden. Danke für den Schubs in die Buch-Erinnerungen.
    Viele Grüße
    Ina

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