Ein leiser Held

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © dtv

Mit „Winterbienen“ schaffte es 2019 zum zweiten Mal ein Roman von Norbert Scheuer auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis (die Premiere war bereits zehn Jahre zuvor mit „Überm Rauschen“). Gewonnen hat er den öffentlichkeitswirksamen Preis bislang noch nicht, aber vermutlich kann der Autor aus der Eifel, der Ende dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feiert, damit ganz gut leben. Immerhin wurden seine Bücher mit allerlei anderen Literaturpreisen gewürdigt und zu Recht fast durch die Bank von Kritik und Leserschaft gelobt.

Womöglich kann man nach dieser Einleitung schon erahnen, dass auch mir „Winterbienen“ sehr gut gefallen hat — trotzdem an dieser Stelle erst einmal etwas mehr zum Roman:
Hauptfigur des Buches ist Egidius Arimond (die Familie Arimond taucht im Werk Norbert Scheuers in schöner Regelmäßigkeit auf), der seine Erlebnisse und Gedanken zwischen Winter 1944 und dem Kriegsende im Mai 1945 in meist eher knappen Tagebucheinträgen festhält. Arimond ist — so stelle ich es mir jedenfalls vor, denn genaue Angaben werden dazu nicht gemacht — um die Vierzig, lebt wie Norbert Scheuer in einer Kleinstadt in der Eifel und verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen als Imker. Ursprünglich war die Bienenzucht, in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben, lediglich ein Nebenerwerb, doch seinen eigentlichen Beruf als Latein- und Geschichtslehrer an einem Gymnasium musste er aufgeben. Zwangspensioniert wegen seiner Epilepsie, die ihn in den Augen der Nazis zu einem wertlosen Mitglied der Volksgemeinschaft macht. Dass ihm neben der Pensionierung sowie der Sterilisation nicht noch schlimmere Repressalien drohen, verdankt er vermutlich seinem Bruder Alfons, der als hochdekorierter Flieger hohes Ansehen genießt. Trotz aller Einschränkungen hat die Krankheit auch ein paar Vorteile für den Protagonisten. Anders als die Ehemänner der Frauen, zu denen er amouröse Verhältnisse pflegt, muss er nicht an die Front, sondern kann sich relativ unbehelligt seinen Bienen und in der Bibliothek den Studien über seinen Vorfahren Ambrosius Arimond, einem Mönch aus dem 15. Jahrhundert, widmen.

Dennoch nimmt in den letzten Kriegsjahren auch der Druck auf Egidius Arimond stetig zu. Die vergleichsweise ruhige Eifel gerät durch das Vorrücken der Alliierten von Westen her zunehmend ins Zentrum des Kriegsgeschehens, was sich allein schon an den feindlichen Flugzeugen festmachen lässt, die Tag für Tag in größerer Zahl am Himmel auftauchen. Außerdem sind die Medikamente, auf die er dringend angewiesen ist, nur noch in geringen Mengen und zu astronomischen Preisen erhältlich. Um sich diese leisten zu können, setzt sich Arimond einer zusätzlichen Gefahr aus: er versteckt Juden in einem Stollen im Wald und schmuggelt sie später in präparierten Bienenkästen über die belgische Grenze.

Es überlebt, wer gelernt hat,
im Verborgenen zu leben

Norbert Scheuer: Winterbienen

Es sind teils dramatische und aus heutiger Sicht kaum vorstellbare Dinge, die Egidius Arimond, dessen Figur ein wenig an Lars Westin aus Lars Gustafssons Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ erinnert, in seinem Tagebuch festhält. Dabei macht er kaum einen Unterschied, ob er über Alltägliches wie einen Cafébesuch, die Imkerei oder über den brandgefährlichen Einsatz als Fluchthelfer schreibt. Die Sprache bleibt immer klar, nüchtern und ein wenig distanziert. Einblicke in sein Gefühlsleben gibt er nur selten, doch je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr machen sich Beklemmung und Angst bemerkbar. Besonders eindringlich sind natürlich die Passagen, in denen es um die — nicht immer erfolgreichen — Rettungsaktionen geht. Auch darüber verliert Arimond keine großen Worte, sondern betont stattdessen immer wieder, dass er ja das Geld für seine Medikamente bräuchte. So bleibt die Hauptfigur dieses hervorragenden Romans als ein leiser Held in Erinnerung. Ein unscheinbarer Typ, der im richtigen Moment das Richtige tut.

  • Norbert Scheuer: Winterbienen (dtv; 320 Seiten; ISBN: 978-3-423-14780-4)

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8 Kommentare zu „Ein leiser Held

  1. Danke für die schöne Rezension. Das Buch steht schon eine ganze Weile auch auf meiner Wunschliste, aber ist immer wieder nach hinten gerutscht. Wenn ich das jetzt bei Dir so lese, wohl zu unrecht. Vielleicht sollte ich also auch im nächsten richtigen Moment das Richtige tun. 😉 Herzliche Grüße!

    1. Das war tatsächlich mein erster Roman von Norbert Scheuer. Mal sehen, welcher als nächstes folgt. Als Vogelfreund sollte es eigentlich mit „Die Sprache der Vögel“ weitergehen, aber tatsächlich spricht mich die Inhaltsangabe von „Überm Rauschen“ fast mehr an…

      Viele Grüße!

    1. Meinetwegen hätte man den Roman auch gerne mit dem Deutschen Buchpreis auszeichnen können — im direkten Vergleich fand ich ihn sogar noch etwas besser als den (trotzdem verdienten) Sieger „Herkunft“.

      Viele Grüße!

  2. Mich hat sie auch sehr beeindruckt, diese leise, ein bisschen distanzierte Erzählstimme, die doch umso deutlicher aufzeigt, wie es sich lebt in solch einer Ausnahmesituation. Und ich habe viel gelernt über den Krieg in der Eifel, was ich vorher nicht wusste. Das ist wirklich ein beeindruckender Roman. Und ein unterschätzter Autor.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Stimmt, ich habe auch viel gelernt über das „normale“ Leben in Zeiten des immer näher rückenden Krieges. Diese bedrückende, Angst machende Situation fängt das Buch sehr gut ein, finde ich. Und ich habe große Lust bekommen, bald noch mehr von Norbert Scheuer zu lesen.

      Viele Grüße!

  3. Vielen Dank für deinen Tipp. Ich habe das Buch gerade ausgelesen, habe viel Neues erfahren und bin sehr beeindruckt! Mir hat der ruhige, undramatische Erzählton gefallen, angesichts der geschilderten Ereignisse. Von dem Autor möchte ich gern mehr lesen.

    1. Freut mich, dass Dir das Buch gefallen hat. Mal sehen, welches ich als nächstes von ihm lese — „Überm Rauschen“ hört sich sehr vielversprechend an, finde ich.

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