Mit einem Geist zurück ins Leben

📸 Christoph Walter

Für sehr viele Leserinnen und Leser (mich eingeschlossen) dürfte das 2017 erschienene, immens erfolgreiche „Was man von hier aus sehen kann“ der erste Kontakt mit Mariana Leky gewesen sein. Dabei hatte die Autorin bereits vor ihrem wundervollen Bestseller (der schon seit einer ganzen Weile offenbar fürs Kino verfilmt wird, wobei sich dazu kaum neuere Informationen finden lassen) mehrere Romane und einen Erzählband veröffentlicht, die es wert sind, entdeckt zu werden.

Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 2010 erschienenen „Die Herrenausstatterin“ ist die Mittdreißigerin Katja, der wir mitten in einer Lebenskrise begegnen. Zuerst wird sie von ihrem Ehemann Jakob betrogen, dann verliert sie ihre Arbeit als Übersetzerin und schließlich passiert ein noch viel größeres Unglück. Just zu diesem Zeitpunkt tritt ein älterer Mann im schwarzen Anzug in ihr Leben, der eines Tages plötzlich auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und sich als Dr. Friedrich Blank, Altphilologe, vorstellt. Der wunderliche Herr zieht bei Katja ein, spendet ihr Trost und sorgt dafür, dass sie nicht komplett verzweifelt. Ein kleines Geheimnis hat er natürlich auch:

Die Sache ist die: Genaugenommen bin ich nicht mehr am Leben. Ich bin, wenn man so will, extrem weit hergeholt.

Neben dem geisterhaften Blank steht bald ein weiterer Mann vor Katjas Tür, nämlich der kleptomanisch veranlagte Feuerwehrmann und Karatefan Armin. Obwohl Armin Blank nicht sehen kann und sich Katja nicht sicher ist, ob Armin tatsächlich ein echter Feuerwehrmann ist, bricht das seltsame Trio bald zu einer Reise in den holländischen Badeort Zandvoort auf. Auch dort passieren einige Merkwürdigkeiten — unter anderem trifft Armin auf seinen großen Helden, den abgehalfterten Karatefilmstar Ralph McQuincey, der in Zandvoort ein neues Leben als Bademeister beginnen möchte.

Was sich beim Lesen dieser kurzen Zusammenfassung doch etwas wirr und merkwürdig anhört, ergibt im Roman tatsächlich einen Sinn, wobei sich der wahre Zauber dieses ebenso witzigen wie tröstlichen Buches über Verlust, Freundschaft, Loslassen und den Mut zum Neubeginn erst nach und nach entfaltet. Anders als bei „Was man von hier aus sehen kann“ hat mich die Handlung hier jedenfalls nicht sofort gepackt, sondern brauchte eine gewisse Anlaufzeit. Große Fabulierkunst, die Freude an unkonventionellen Sprachbildern, viel Humor und ein Händchen für herrlich schräge Figuren und Situationen beweist Mariana Leky aber auch in diesem früheren Werk. Fast meint man, in „Die Herrenausstatterin“ einige Elemente zu erkennen, die später auch in „Was man von hier aus sehen kann“ auftauchen. Der weise, aber etwas linkische Blank zum Beispiel könnte durchaus ein naher Verwandter des geschätzten Optikers sein.

Unbedingt empfehlenswert!

  • Mariana Leky: Die Herrenausstatterin (DuMont; 208 Seiten; ISBN: 978-3-8321-6165-1)

#SupportYourLocalBookstore — die hier empfohlenen Bücher kauft Ihr am besten bei Eurer Lieblingsbuchhandlung vor Ort! Vielleicht ja auch in Bayern bald nicht mehr nur mit „Click & Collect“, sondern mit der Möglichkeit, den Laden tatsächlich betreten zu dürfen — ein offener Brief von Buchhändlerinnen, Verlagen und Autoren macht zumindest ein wenig Mut.

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