Eine Zeit des Aufbruchs

📸 Christoph Walter

Olli Jalonen ist erst der zweite finnische Schriftsteller, dem das KunststĂĽck gelungen ist, gleich zweimal mit dem wichtigsten Literaturpreis seines Heimatlandes ausgezeichnet zu werden. Seinen zweiten Finlandia-Preis erhielt der 1954 geborene Jalonen fĂĽr seinen Roman „Taivaanpallo“, der unter dem Titel „Die Himmelskugel“ nun auch in der deutschen Ăśbersetzung von Stefan Moster vorliegt.

Die 1679 einsetzende Handlung des nicht nur wegen seines Umfangs von gut 550 Seiten schwergewichtigen Buches ist jedoch nicht im hohen Norden angesiedelt, sondern auf der Insel St. Helena im SĂĽdatlantik. Hier lebt der sieben Jahre alte Ich-Erzähler Angus, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, den der aufstrebende englische Astronom Edmond Halley bei seiner Forschungsreise auf die Insel im Jahr zuvor unter seine Fittiche genommen hatte. Im Auftrag Halleys beobachtet der wissbegierige und mit einem wachen Verstand gesegnete Angus tagsĂĽber Vögel und in der Nacht den Sternenhimmel. Der größte Wunsch des Jungen ist es, seinem Idol in London als Gehilfe zur Hand zu gehen und eines Tages selbst Wissenschaftler zu werden. DafĂĽr bemĂĽht er sich nach Kräften und lernt bei Pastor Burch, seinem späteren Stiefvater, eifrig Lesen, Schreiben und Rechnen. Der Pastor selbst ist zwar — immerhin befinden wir uns erst ganz am Anfang des Zeitalters der Aufklärung — neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen keineswegs abgeneigt, sieht in ihnen aber in erster Linie Gottesbeweise. Die AusfĂĽhrungen von Pastor Burch, die weite Teile der ersten 250 Seiten des Romans dominieren, sind dabei sehr ausfĂĽhrlich ausgefallen, so dass sich die LektĂĽre streckenweise arg zieht.

Edmond Halley, ca. 1687 — 🎨 Thomas Murray

Danach nimmt „Die Himmelskugel“ aber zum GlĂĽck mehr Fahrt auf. Im Jahr 1684 ist ein tyrannischer neuer Gouverneur in St. Helena an der Macht, zudem schickt sich eine katholische Sekte an, die größtenteils protestantischen Inselbewohner — darunter auch Angus und seine Familie — zu unterdrĂĽcken. Der Pastor will seine Verbindung zu Halley nutzen, um einen Hilferuf nach England zu senden. Als Ăśberbringer der Nachricht bietet sich der inzwischen zwölfjährige Angus an, der als blinder Passagier auf dem altersschwachen Schiff „Berkeley Castle“ die gefährliche Ăśberfahrt wagen soll. Die aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Zumutungen dieser langen Seereise beschreibt Olli Jalonen wunderbar anschaulich und auch Angus‘ staunender Blick auf London, aus seiner Sicht eine Stadt von unglaublichen AusmaĂźen, ist dem Autor bestens geglĂĽckt. Ăśberhaupt ist der zweite Teil des Romans der deutlich stärkere. Die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende, die junge Gelehrte wie Edmond Halley einzuleiten im Begriff sind, ist auf fast jeder Seite spĂĽrbar. Gleichzeitig merkt man stets auch die Widerstände, auf die der wissenschaftliche Fortschritt noch allerorten trifft. Dieses Spannungsverhältnis und die Begeisterung und Neugier, mit der Angus alles Neue aufsaugt, machen „Die Himmelskugel“ zu einem lesenswerten Roman. Schade nur, dass es so lange dauert, bis sich das Buch von seiner besten Seite zeigt!

Der Herr Pastor hat mich das Lesen gelehrt, und Herr Halley lehrt mich noch viel mehr, nämlich das Denken. Auf der Welt liegen so viele Dinge hinter der Unwissenheit verborgen, dass man nicht alles durch Lesen lernt, sondern darüber nachdenken und zum Beispiel Versuche machen muss, wenn man nicht im Kopf abwägen und entscheiden kann, welches Ergebnis das richtige ist.

Vielen Dank an den Verlag fĂĽr die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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