Fränkischer Doppelgänger

📸 Christoph Walter

Ende Mai 1967 jubelt die Bevölkerung von Rothenburg ob der Tauber zwei prominenten Besuchern zu. Der Schah von Persien ist nebst seiner Gattin zu Gast im westmittelfränkischen Städtchen und winkt der — abgesehen von ein paar „linksgerichteten Studenten“, die gegen den iranischen Machthaber protestieren — begeisterten Masse vom Rathausbalkon aus zu. Eine nicht unerhebliche Kleinigkeit an diesem Bild stimmt aber nicht, denn neben Farah Diba steht gar nicht der echte Schah, sondern mit dem Rothenburger Schuldirektor Bartholomäus König ein Doppelgänger:

In der geschlossenen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus (BKH) Ansbach tobt derweil ein Mann, der wie der König ausschaut, im Wechsel Flüche auf Farsi und auf Englisch ausstößt und behauptet, der Schah von Persien zu sein.

Davon, warum Bartholomäus König, der ebenso wie der Schah am 26. Oktober 1919 zur Welt kam, diesen Schwindel inszeniert hat und was mit ihm passiert, nachdem ihn zwei Agenten des iranischen Geheimdiensts abgeführt und in den Folterkeller des Kriminalmuseums gebracht haben, erzählt Leonhard F. Seidl in seinem Schelmenroman „Der falsche Schah“. In einem lockeren, mal eher bairisch, mal eher fränkisch gefärbtem Plauderton breitet der vor allem für seine Kriminalromane bekannte Autor die Lebensgeschichte seines Protagonisten aus. Humorvoll und mit viel Lokalkolorit — das Buch entstand im Rahmen eines Stipendiums des Kriminalmuseums Rothenburg — aber auch hintersinnig und ernsthaft. Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung spielt während der NS-Zeit, in der es König trotz aller Widrigkeiten gelingt, stets anständig zu bleiben und anderen dank seines Schauspieltalents und seiner Cleverness zu helfen. Nach Kriegsende stößt dem Schulleiter sauer auf, dass die Aufarbeitung dieser finsteren Jahre — wenn überhaupt — nur sehr halbherzig geschieht und die Verbrecher von damals oft unbehelligt in Amt und Würden zurückkehren. Großartig gelungen ist in diesem Zusammenhang eine ebenso aberwitzige wie beklemmende Szene, in der für einen Filmdreh falsche SS-Leute durch die engen Gassen der Stadt marschieren und bei nicht wenigen ein „Er ist wieder da“-Gefühl auslösen.

Das Rathaus von Rothenburg — 📸 Christoph Walter

Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass sich König an dem aus seiner Sicht allzu unkritischen Umgang mit dem Schah-Besuch in seiner Heimatstadt stört und beschließt, einzugreifen. Hätten sich die Geschehnisse dieses kurzweiligen und klugen Romans tatsächlich so zugetragen, wäre es vermutlich nicht zu der Demonstration wenige Tage später in West-Berlin gekommen, auf der der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. So aber bleibt „Der falsche Schah“ in erster Linie ein Plädoyer dafür, Dinge stets zu hinterfragen und immer dann besonders genau hinzuschauen, wenn sich Machthaber allzu sehr bejubeln lassen.

  • Leonhard F. Seidl: Der falsche Schah (volk Verlag; 192 Seiten; ISBN: 978-3-86222-335-0).

Zum Weiterlesen: „Mehr Schein als Sein“ (Interview mit dem Autor in der Süddeutschen Zeitung).

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