Auf Entdeckungsreise

Beim Verlag C. H. Beck hat man seit einer Weile ein Herz für Orte, die auf irgendeine Weise besonders oder ungewöhnlich sind. So erschienen von verschiedenen Autoren (aber stets mit Illustrationen von Lukas Wossagk) zuletzt Bücher über „Die seltsamsten Orte der Antike“ und „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Pia Volks „Deutschlands schrägste Orte“ (ursprünglich tatsächlich angekündigt als „Die seltsamsten Orte Deutschlands“) reiht sich da trotz des leicht abweichenden Titels nahtlos ein und kommt genau zur richtigen Zeit. Echte Reisen sollten schließlich tunlichst unterlassen werden, aber das Reisen im Lesesessel mit einem Buch vor der Nase ist natürlich uneingeschränkt erlaubt und erwünscht.

Und selbst bei der Entdeckung der Welt von zu Hause aus muss es nicht immer in die Ferne gehen, denn allzu oft findet sich Interessantes und Bemerkenswertes auch in der näheren Umgebung, wie die etwas mehr als 50 von der Autorin ausgewählten und in verschiedene Themengebiete wie „Bizarre Landschaften“, „Obskure Objekte“ oder „Vorstellungswelten“ aufgeteilte Orte beweisen. Um klassische Sehenswürdigkeiten im touristischen Sinne handelt es sich bei den meisten nicht, obwohl einige davon inzwischen ausschließlich Tourismuszwecken dienen. Bestes Beispiel dafür ist die Indoor-Ferienanlage „Tropical Islands“ in Brandenburg. In der riesigen Halle, in der Urlaubshungrige heute künstliche Regenwälder und Sandstrände finden, wollte in den 1990er Jahren eine längst insolvente Firma Luftfrachtschiffe bauen und warten.

Einige der vorgestellten Orte — etwa das Nördlinger Ries — sind von Natur aus so, wie sie sind, die meisten dagegen sind untrennbar mit der wechselvollen Geschichte verbunden. Neben territorialen Verschiebungen, die diverse Enklaven und Exklaven wie Büsingen am Hochrhein oder die sorbischen Dörfer in Sachsen hervorgebracht haben, gehen viele der von Pia Volk ausgewählten „schrägen Orte“ aufs Konto des nationalsozialistischen Größenwahns, der Planungswut der DDR und der „autogerechten“ Umgestaltung der Städte in der Nachkriegszeit oder sind Spätfolgen des Braun- oder Steinkohleabbaus. Allen Orten gemein ist, dass sich hinter ihnen eine spannende Geschichte verbirgt, die es wert ist, erzählt zu werden. Je nachdem, wie viel diese hergibt, erstrecken sich Pia Volks gut recherchierte und in einem sympathischen Tonfall erzählte Reportagen in der Regel über drei bis fünf Seiten.

Was dem Buch allerdings ein wenig fehlt, sind ein paar begleitende Fotografien. Dank der zu Beginn eines jeden Kapitels angegebenen Koordinaten lassen sich die Orte zwar in Windeseile auf der Karte und im Internet finden, aber den Kronleuchter in der Kölner Kanalisation oder Väterchen Timofei und dessen auf dem späteren Olympiagelände in München ohne Baugenehmigung errichtete Kapelle hätte man schon gerne direkt beim Lesen vor Augen gehabt.

Trotzdem weckt „Deutschlands schrägste Orte“ die Lust, sich selbst auf Entdeckungsreise zu begeben. Entweder an den ein oder anderen im Buch vorgestellten Ort oder auf eigene Faust vor der eigenen Haustür. „Schräge Orte“ gibt nämlich überall — man muss nur genau hinschauen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

#SupportYourLocalBookstore — die hier empfohlenen Bücher kauft Ihr am besten bei Eurer Lieblingsbuchhandlung vor Ort!

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