(K)eine ehrenwerte Familie

Von außen betrachtet muss einem die Familie Bal Mitte der 1990er Jahre vermutlich wie das Musterbeispiel einer wohlhabenden, großbürgerlichen Familie vorgekommen sein. Der Vater ein erfolgreicher, angesehener Richter, drei Kinder, ein herrschaftliches Haus in einem Dresdner Villenviertel. Alles bestens also? Von wegen! Dass mit dieser Familie schon seit Generationen etwas ganz und gar nicht stimmt, wird gleich auf den ersten Seiten von Amanda Lasker-Berlins zweitem Roman „Iva atmet“ mehr als deutlich.

Die Haupthandlung des Buches spielt in der Gegenwart und wird aus Sicht der knapp 33 Jahre alten Iva erzählt. Die jüngste Tochter der Familie Bal arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus und lebt mit Mann und Sohn in Düsseldorf — ihr durchaus solider Lebenswandel ist auch der Grund, warum sie als Erste darüber informiert wird, dass der Vater nach einem Schlaganfall im Sterben liegt. Abgesehen von ihr gibt es nämlich niemanden mehr, der sich in dieser Situation ums Nötigste kümmern könnte. Ivas Mutter hat schon lange eine neue Familie gegründet, die älteren Geschwister sind nur schwer auffindbar. Jette reist durch die Welt und sendet lediglich über ihren Youtube-Kanal ab und an ein Lebenszeichen und was Alexander, der das Elternhaus einst fluchtartig verließ, macht, kann eigentlich niemand so genau sagen.

Während Iva nach Dresden fährt und in dem bedrohlich wirkenden Haus mit den beiden abgestorbenen afrikanischen Köcherbäumen vor dem Eingang unterkommt, beleuchtet Amanda Lasker-Berlin in kurzen Rückblenden die Familiengeschichte ihrer Protagonistin, die ebenfalls eine Meisterin im Verdrängen ist. Nach und nach ergibt sich so ein bedrückendes Bild. Man erfährt von der Großmutter, die die ersten Jahre ihres Lebens im damaligen Deutsch-Südwestafrika verbrachte, mit ihrer Mutter kurz nach der Schlacht am Waterberg nach Deutschland floh und den Völkermord an den Herero zeitlebens in erster Linie als Unrecht betrachtete, das ihr angetan wurde — für die eigentlichen Opfer dieses schrecklichen Verbrechens hat sie dagegen kaum ein Wort des Bedauerns übrig. Man liest vom Großvater, der in der NS-Zeit als Oberkriegsverwaltungsrat Karriere machte, danach aber wie so viele von „nichts gewusst“ haben wollte und im Nachkriegsdeutschland seine Laufbahn unbehelligt als Landtagsabgeordneter fortsetzte. Und natürlich ist da der nun im Sterben liegende Vater, der früher verschwörerische „Gedenkabende“ veranstaltete und sich jegliche Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte mit aller Vehemenz verbat.

Wie diese tot geschwiegene, dunkle Vergangenheit bis in die Gegenwart weiterwirkt und selbst das Leben derer nachhaltig beeinflusst, die keine Schuld auf sich geladen haben, beschreibt Amanda Lasker-Berlin eindringlich in kurzen, fast atemlosen Sätzen. Das liest sich dann zum Beispiel so:

Iva geht zum rechten Köcherbaum, betrachtet ihn genau. Sucht, was Alexander dort gemacht hat. Sie muss genau schauen, findet dann einen Schriftzug. In undeutlichen Buchstaben steht dort: „Ich war einer von euch.“
In Iva wiederholt sich der Satz. Wieder und wieder.

Besonders stark ist „Iva atmet“ gerade in den Passagen, in denen zurückgeblickt wird und sich die einzelnen Puzzleteile nach und nach zu einem halbwegs vollständigen Ganzen zusammensetzen. Nicht ganz mithalten kann da die manchmal etwas konstruiert wirkende, in der Gegenwart angesiedelte Handlung. Lesenswert ist dieser Roman über den persönlichen Umgang mit historischer Schuld, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und die allzu lange zur Seite geschobenen deutschen Kolonialverbrechen aber allemal.

Am 22. April um 19.30 Uhr stellt Amanda Lasker-Berlin ihren neuen Roman im Rahmen der „Frankfurter Premieren“ vor. Das von Christoph Schröder moderierte Gespräch kann entweder im Livestream oder danach in der entsprechenden Mediathek angesehen werden.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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5 Kommentare zu „(K)eine ehrenwerte Familie

  1. Den historischen Teil des Romans finde ich wirklich ganz spannend. Allerdings hatte ich mit ihrem Debüt „Elias Lied“ so sehr zu kämpfen, dass mich dieser Roman gerade so gar nicht reizt. Auch dort fand ich die zugrundeliegenden Themen interessant, das Personal war aber so konstruiert, dass ich ziemlich schnell die Lust daran verloren habe. Wäre es nicht für „Das Debüt“ gewesen, ich hätte es wohl nicht zu Ende gelesen.

    1. Das kann ich gut verstehen (auch wenn ich den Debütroman nicht kenne).

      In „Iva atmet“ kamen mir seltsamerweise die Figuren aus der Gegenwart — die meisten ungefähr so alt wie die Autorin selbst — wesentlich konstruierter vor als die älteren wie zum Beispiel die Großmutter. Am komischsten fand ich eine junge Frau, die spät im Roman auftaucht. Sie ist die Freundin des Bruders der Protagonistin, hört auf den Namen „Miez“, hat offenbar ein nicht näher benanntes, aber ganz erhebliches Drogenproblem und neigt dazu, ständig und überall einzuschlafen. Laut ihres Freundes ist sie außerdem ein Medium.

      1. Das klingt wirklich wie eine sehr spezielle Figur… Bei ihrem ersten Roman waren auch alle drei Hauptfiguren sehr außergewöhnlich. Da fragt man sich schon, warum von drei Schwestern nicht wenigstens eine Hotelfach oder Tischlerin gelernt hat. Was mich auch sehr irritiert hat, war das einige Szenen sehr an anderen Stoffen orientiert waren. Eine der Figuren ist Sexualbegleiterin und sie beschreibt eine Szene, die habe ich exakt so, bis hin zur Bushaltestelle, in einer Doku gesehen. Da Anleihen zu nehmen ist natürlich gar nicht verwerflich, aber da hab ich schon ein bisschen gefragt, wo die schriftstellerische Leistung ist.

      2. Mir fehlen in ganz vielen Romanen Menschen mit völlig normalen, eher langweiligen Jobs. In deutschsprachigen Büchern tauchen ständig die abseitigsten Berufe auf, während es in den USA gefühlt ausschließlich Anwälte und Professor*innen (natürlich nur in irgendwelchen geisteswissenschaftlichen Fächern und nie in Steuerrecht oder Chemie) an kleinen Ostküsten-Colleges zu geben scheint.

  2. Das stimmt allerdings! Bei Genazino arbeiten manchmal Leute in Wäschereien oder so, aber das dann immer als Teil eines gescheiterten Lebensentwurfs. Oder eben dann Metallarbeiter in den Gewerkschaftsromanen, die von der Grün geschrieben hat. Nur am Rande auftauchende Elternteile können auch mal was Unspektaktuläres machen, wenn man nicht darüber sprechen muss. „Vater kam jeden Tag später aus dem Büro“.

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