„Euphancholie“ und Telefonzellen

Ungezählte Bücher, Filme und Songs drehen sich um diesen einen Sommer, der alles verändert. Ein Sommer, von dem man sich wünscht, er möge ewig weitergehen, der aber dennoch unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert. Dabei ist es gar nicht so einfach, dem inzwischen doch recht arg strapazierten Coming-of-Age-Genre noch etwas substanziell Neues hinzuzufügen. Aber oft reicht es ja auch schon, Altbekanntes auf gekonnte Art und Weise und mit ein paar überraschenden Wendungen noch einmal zu erzählen. Gut hinbekommen haben das zuletzt etwa David Nicholls mit „Sweet Sorrow“ und Benedict Wells mit „Hard Land“. Lesenswert sind letzten Endes beide Bücher — falls man nur zu einem davon greifen möchte, muss man sich eben entscheiden zwischen einer Laientheatervorstellung von „Romeo und Julia“, England, Pulp und dem Jahr 1997 (Nicholls) oder „Zurück in die Zukunft“, dem ländlichen Missouri, Bruce Springsteen und dem Sommer 1985 (Wells). Diese ganz besondere Mischung aus Euphorie und Melancholie fangen beide Romane jedenfalls bestens ein. Benedict Wells hat für dieses Gefühl sogar ein Wort kreiert, nämlich „Euphancholie“:

„Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird. Dass alles mal vorbei sein wird.“ Sie packte ihr Notizbuch weg. „Na ja, vermutlich ist die ganze scheiß Jugend Euphancholie.“

Benedict Wells: Hard Land

Früher als die beiden bereits genannten Bücher, nämlich ganz zu Beginn der 1980er Jahre, spielt „Der große Sommer“, der neue Roman von Ewald Arenz. Wenn auch zeitlich noch ein wenig weiter weg von meiner eigenen Jugend (der kommt „Sweet Sorrow“ am nächsten), konnte ich mich mit diesem Buch am meisten identifizieren — immerhin spielt die Handlung unweit meiner eigenen Heimat und schulische Misserfolge sind mir ebenso bekannt wie Zehnpfennigstücke für die Telefonzelle. Hauptfigur ist der Schüler Friedrich „Frieder“ Büchner, dessen Sommer zunächst nicht groß, sondern ganz schrecklich zu werden droht. Er hat gerade zum zweiten Mal in Folge das Klassenziel der 9. Klasse verfehlt und steht vor dem Ende seiner Gymnasiallaufbahn, wenn er am Ende der Sommerferien durch die Nachprüfung in Latein und Mathe rasselt. Der Familienurlaub jedenfalls fällt für ihn aus, stattdessen muss er die Ferien bei seinen Großeltern verbringen und sich unter der Aufsicht des strengen Großvaters, einem sehr auf Bildung, Disziplin und Leistung bedachten Chefarzt, auf die entscheidenden Prüfungen vorbereiten. Was für ein Schlamassel!

Zum Glück sind da aber noch Frieders bester Freund Johann, seine jüngere Schwester Alma und natürlich Beate, das Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug und der Vorliebe für Bossa Nova. Zwischen erster Liebe, unbeschwerten Tagen im Freibad und Abenden auf der Burgmauer hat Ewald Arenz selbstredend eine ganze Reihe teils dramatischer Wendungen eingebaut. Ob der Sommer für Frieder ein gutes Ende nimmt, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Manchmal sind die Dinge — und erst recht die Menschen — nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Abgesehen von der unweigerlich auf einen Höhepunkt zusteuernden Handlung ist „Der große Sommer“ auch sprachlich und atmosphärisch ein großes Vergnügen. All die oft kaum wahrnehmbaren Kleinigkeiten, die den Sommer ausmachen — zum Beispiel ganz spezielle Gerüche und Lichtverhältnisse — lässt Ewald Arenz mit meist nur wenigen Worten lebendig werden. Während der Lektüre wähnt man sich tatsächlich im Sommer. Egal, welche Kapriolen der April gerade schlägt. Ein wunderbarer Roman, der seinem Vorgänger „Alte Sorten“ in nichts nachsteht.

Jetzt war Sommer. Er würde vorbeigehen, aber jetzt war Sommer.

Ewald Arenz: Der große Sommer
  • David Nicholls: Sweet Sorrow (Ullstein Taschenbuch; 512 Seiten; ISBN: 978-3-54806-383-6)
  • Benedict Wells: Hard Land (Diogenes; 352 Seiten; ISBN: 978-3-257-07148-1)
  • Ewald Arenz: Der große Sommer (Dumont; 320 Seiten; ISBN: 978-3-8321-8153-6)

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2 Kommentare zu „„Euphancholie“ und Telefonzellen

  1. Lieber Christoph! Ich habe den neuen Arenz hier bei mir liegen, aber da ich mir die Vorfreude noch ein wenig bewahren möchte (ich weiß, sobald ich anfange zu lesen, ist es vermutlich wieder viel zu schnell vorbei – wie vielleicht auch der „große Sommer“ im wahren Leben), warte ich noch ein bisschen mit der Lektüre – vielleicht bis es auch bei uns noch ein wenig sommerlicher wird. Aber schön zu wissen, dass Dir der Roman gefallen hat – das macht die Vorfreude dann nochmal ein wenig größer. Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag, Barbara

    1. Ich hoffe, die Vorfreude lohnt sich auch bei Dir und das Buch gefällt Dir so gut wie mir. Ein ganz klein wenig stärker fand ich „Alte Sorten“ aber dennoch, was vor allem daran lag, dass diese Art von Geschichte noch nicht ganz so oft erzählt wurde.

      Auf jeden Fall wünsche ich Dir schon einmal viel Spaß beim Lesen und einen schönen Restsonntag!
      Christoph

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