Verhängnisvolle Bücherliebe

Die Bände der seit 1912 erscheinenden Insel-Bücherei eignen sich ganz wunderbar, um seine bibliophile Sammelleidenschaft auszuleben. Die mittlerweile kaum noch zu überblickende Zahl an Veröffentlichungen, die enorme Themenvielfalt und die Bandbreite von der günstigen, in jeder Buchhandlung zu erwerbenden Neuausgabe bis zur gefragten, schwer zu bekommenden Rarität bieten Neulingen die Gelegenheit, jederzeit mit dem Sammeln zu beginnen und „alten Hasen“ allerlei Möglichkeiten zur Spezialisierung.

Aber Vorsicht! Darüber, dass aus der an sich eher harmlosen Leidenschaft für schöne Bücher schnell ein Verhängnis werden kann, klärt ausgerechnet ein neuer Band der Insel-Bibliothek auf. „Bibliomanie“ (großartig illustriert von Burkhard Neie), die erste publizierte Erzählung des damals 15-jährigen Gustave Flaubert, erzählt das Schicksal eines allzu wahnhaften Büchersammlers. Giacomo, „ein satanischer und wunderlicher Mensch“, war einst Mönch, wandte sich dann aber von Gott ab, um fortan Bücher mit der gleichen Inbrunst anzubeten. Als Buchhändler in Barcelona ist der Eigenbrötler ständig auf der Jagd nach alten Folianten und seltenen Handschriften.

Dieser Mann hatte, außer mit Büchersammlern und Antiquaren, nie mit irgendwem gesprochen. Er war schweigsam und verträumt, umdüstert und traurig. Er kannte nur einen Gedanken, eine Liebe, eine Leidenschaft: die Bücher.

Gustave Flaubert: Bibliomanie

Flauberts Protagonist liebt es, Bücher in die Hand zu nehmen, über den Einband zu streichen und das Papier zu befühlen. Er liebt den Geruch von Druckerschwärze, farbige Illustrationen, Vergoldungen und ganz besonders das Wort „Finis“ am Ende eines jeden Werks. Eines dagegen interessiert Giacomo nicht, nämlich der Inhalt der Bücher, denn dummerweise kann er — welch‘ Ironie! — nicht lesen. Ein besonders geschickter Händler ist er ebenfalls nicht. Zuerst verkauft er einen seiner größten Schätze an einen wohlhabenden Studenten, was er sofort bereut, dann kommt ihm ein Priester beim Erwerb einer begehrten Rarität zuvor und schließlich schnappt ihm ausgerechnet der verhasste Konkurrent Baptisto bei einer Auktion das seltenste Buch Spaniens vor der Nase weg. Am Ende gibt es in der knappen Erzählung allerdings keine Gewinner, sondern nur Verlierer, denn allen Beteiligten wird die wahnhafte Liebe zu den Büchern schließlich zum Verhängnis. Ganz besonders schlimm trifft es natürlich wieder den armen Giacomo.

„Bibliomanie“, das sich dank der gelungenen Übersetzung von Erwin Rieger äußerst flüssig liest, hat mich weniger wegen seiner (zum Teil etwas undurchsichtigen) Handlung beeindruckt, sondern wegen zweier anderer Aspekte. Einerseits natürlich, weil sich die Meisterschaft Gustave Flauberts schon in dieser sehr frühen Erzählung andeutet, andererseits aber vor allem, weil die kurze Geschichte von 1836 viele spätere Werke offenbar nachhaltig beeinflusst hat. Mir fielen beim Lesen spontan „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez, Patrick Süskinds „Parfum“, aber natürlich in erster Linie Carlos Ruiz Zafóns Romane um den „Friedhof der vergessenen Bücher“ ein. Vermutlich gibt es noch zahllose andere Beispiele, die es noch zu entdecken gilt — auch die Suche nach diesen Büchern könnte zu einer (hoffentlich nicht verhängnisvollen) Leidenschaft werden.

  • Gustave Flaubert: Bibliomanie (Insel-Bücherei 2529; 68 Seiten; ISBN: 978-3-458-20529-6).

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3 Kommentare zu „Verhängnisvolle Bücherliebe

  1. Na, da fühle ich mich doch sofort angesprochen :)… doch ich habe für mich beschlossen, dass jeder Mensch irgendein Laster haben darf und wenn es eben Bücher sind, dann muss das wohl so sein. Allerdings hoffe ich, dass es mir nicht wie der Hauptfigur bei Flaubert „zum Verhängnis“ wird. „Das Papierhaus“ und „Das Parfum“ mochte ich sehr und auch von Ruiz Zafón habe ich schon das eine oder andere Buch gelesen.
    Ein wunderbares Buch über Vielleser und Buchliebhaber ist auch Helen Hanff’s „84, Charing Cross Road“ – das steht bei mir im Regal neben „Das Papierhaus“.
    Einen schönen Pfingstmontag und herzliche Grüße!

    1. Immerhin sind die Bücher ja ein deutlich risikoärmeres Laster als zum Beispiel das Rauchen. Und der Geruch ist auch besser. 😉

      An „84, Charing Cross Road“ habe ich auch gute Erinnerungen — mir gefällt sehr, dass über diese ursprünglich rein geschäftlichen Briefe eine lange, sehr herzliche Freundschaft entstanden ist.

      Dir ebenfalls einen schönen restlichen und hoffentlich nicht allzu verregneten Feiertag!

  2. Lieber Christoph,
    oh dear, wir sind auch der hehren Sucht des Büchersammelns verfallen. Jedes Zimmer unseres Hauses ist eine kleine Bibliothek zu bestimmten Themen. Wir lieben unser Leben umgeben von Büchern.
    Danke für die Vorstellung von Flauberts Buch, das bei uns in der Abteilung `Bücher über Bücher‘ steht, im ersten Stock mit Ausblick über den Garten.
    Mit herzlichem Gruß vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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