Sommerhaus, sehr viel später

Viel Gutes habe ich zuletzt über Judith Hermanns neuen Roman „Daheim“ gehört und auch ein kurzes, sehr sympathisches Interview mit der Autorin in der Zeitschrift chrismon hat mein Interesse an dem Buch zusätzlich angefacht. Allerdings wollte zuerst einmal Judith Hermanns Erzähldebüt „Sommerhaus, später“ gelesen werden, das seit einer halben Ewigkeit unangetastet im Regal herumsteht. Meine Taschenbuchausgabe stammt aus dem Jahr 2003 und da es sich um ein Mängelexemplar handelt (vermutlich gekauft in Bamberg, aber genau weiß ich das nicht mehr), dürfte sie wohl seit 2004 oder 2005 in meinem Besitz sein.

Noch mehr Zeit ist seit der Erstveröffentlichung des Buches 1998 vergangen. Damals wurde noch mit D-Mark bezahlt, das Internet war tatsächlich „Neuland“ (beides kommt in den Erzählungen übrigens auch vor) und Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek lobten den „Sound einer neuen Generation“. Das Problem ist nur: Was vor 25 Jahren modern und zeitgemäß war, wirkt heute oft allzu gestrig und womöglich sogar unfreiwillig komisch. In dieser Hinsicht ist „Sommerhaus, später“ allerdings erstaunlich gut gealtert. Die meisten Erzählungen kann man auch jetzt noch problemlos lesen, ohne sich gleich in die Neunziger zurückversetzt zu fühlen. Die Titelgeschichte ist sogar besonders zeitgemäß, handelt es sich beim Sommerhaus doch um ein baufälliges Gutshaus im Märkischen, das ein der Großstadt überdrüssiger Berliner erwirbt. So etwas gab es also auch schon vor der Jahrtausendwende.

Ansonsten konnte ich nicht mit allen Erzählungen so viel anfangen wie mit der großartigen, atmosphärisch dichten Schauergeschichte „Sonja“, in der sich eine merkwürdige, geisterhafte junge Frau im Leben eines Künstlers „verhakt“. Die brennende Großmutter, die von der Insel Bali stammende Frau mit einem Faible für Blondinenwitze, das zerstörte Korallenarmband, das eine Flutwelle auslöst, und der leicht verlotterte, müde Hunter S. Tompson (nicht „Thompson“ wie der Schriftsteller), der einen Kassettenrekorder verschenkt, waren mir teilweise doch ein wenig zu viel des Guten. Durchgängig überzeugt hat mich Judith Hermann dagegen mit ihrem knappen Stil und ihrer poetischen Sprache mit der Vorliebe für schöne, leicht altertümliche Wörter.

Gut möglich, dass ich mir „Daheim“ ebenfalls bald vornehme.

  • Judith Hermann: Sommerhaus, später (Fischer Taschenbuch; 192 Seiten; ISBN: 978-3-596-14770-0).

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