Achtzehn Jahre danach

Liest man nur die Kurzzusammenfassung auf der Rückseite des Einbands, könnte man glatt zu dem Schluss kommen, es handele sich bei „Wo niemand uns sehen kann“ (deutsche Übersetzung von Eva Bonné) um einen Kriminalroman oder einen Thriller. An einem stürmischen Abend im Dezember 1991 verschwindet die 17 Jahre alte Jess Winters im Städtchen Sycamore in Arizona spurlos — nur wenige Wochen nach einem handfesten Skandal. Knapp 18 Jahre später findet eine Frau beim Wandern in der Wüste menschliche Knochen, die schnell der lange vermissten Teenagerin zugeordnet werden können und für traurige Gewissheit sorgen.

An diesem Punkt würde in einem Krimi die Suche nach einem Mörder beginnen und vermutlich würden auch bald weitere Mädchen verschwinden. Um solche Dinge geht es in Bryn Chancellors Roman allerdings nicht. Natürlich spielt die Frage, was mit Jess passiert ist und warum sie so jung sterben musste, eine zentrale Rolle, aber in erster Linie interessiert sich die Autorin dafür, was das plötzliche Verschwinden eines Menschen für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben — zumal in einer Kleinstadt wie Sycamore, in der man sich kennt und fast zwangsläufig Einblick ins Privatleben der anderen hat.

Die Geschichte von Jess Winters gehörte allen, sie bildete einen Teil von Sycamore, so wie die Landschaft, die Jess verschluckt hatte. Jess Winters stand für ihre schlimmsten Ängste — sie bewies, dass sich von einem Moment auf den anderen alles verändern konnte.

Bryn Chancellor: Wo niemand uns sehen kann

Dementsprechend wird die Handlung von „Wo niemand uns sehen kann“ vielstimmig erzählt. Es gibt Rückblenden ins Jahr 1991, in denen wir Jess von ihrer Ankunft in Sycamore, wohin sie nach der Scheidung der Eltern mit ihrer Mutter gezogen war, bis zum Abend ihres Verschwindens folgen. An anderer Stelle begleiten wir Jess‘ Mutter Maud, ihre ehemals beste Freundin Dani und viele weitere Personen, deren Lebensweg fast zwei Jahrzehnte lang von diesem schicksalhaften Ereignis geprägt wurde.

Zu Beginn wirkt Bryn Chancellors ruhige Erzählweise fast ein wenig zu gemächlich, aber mit zunehmender Dauer wird der Roman immer fesselnder und damit tatsächlich beinahe spannender als viele Thriller. Vor allem sind die Charaktere so stark und überzeugend gezeichnet, dass man als Leserin oder Leser wirklich Anteil nimmt an ihrem Leben und ihren Sorgen. Am Schluss von „Wo niemand uns sehen kann“ klärt sich auf, was mit Jess damals passiert ist — bleibt zu hoffen, dass die lieb gewonnenen Figuren dieses sehr empfehlenswerten Romans dann endlich ihren Frieden finden und etwas unbeschwerter in die Zukunft blicken können.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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