Ali Smith: Sommer

Brexit, die Buschfeuer in Australien, das zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump und eine neuartige Viruserkrankung, die sich von China aus langsam ihren Weg um die Welt bahnt — das, was Ali Smith auf den ersten Seiten von „Sommer“, dem letzten Teil ihres vielfach preisgekrönten Jahreszeitenquartetts, beschreibt, ist noch gar nicht so lange her, fühlt sich aber schon sehr weit weg an. Trotzdem sind natürlich all diese Dinge, wenn auch auf eine veränderte Art und Weise, nach wie vor Teil unserer Gegenwart, was „Sommer“ zu einem sehr aktuellen Roman macht, der dennoch etwas Allgemeingültiges, Zeitloses hat.

Wie immer in den Jahreszeiten-Romanen von Ali Smith gibt es auch diesmal mehrere Handlungsstränge, die meisterhaft miteinander verwoben sind — letztlich hängt bei der Schottin alles mit allem zusammen. In der Gegenwart treffen wir auf Grace Greenlaw, eine ehemals hoffnungsvolle Schauspielerin und nun von ihrem Ehemann wegen einer Jüngeren sitzengelassene alleinerziehende Mutter zweier Teenager-Kinder, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die 15-jährige Sacha könnte man wohl mit dem Adjektive „woke“ gut umschreiben; sie interessiert sich für gesellschaftliche Entwicklungen, sorgt sich wegen des Klimawandels und kümmert sich um Obdachlose in ihrer Heimatstadt Brighton. Der zwei Jahre jüngere Robert, ein hochintelligenter Einstein-Bewunderer, gefällt sich dagegen in der Rolle des Querulanten und eckt gerne mit rassistischen und sexistischen Kommentaren an (die Gründe für seine Wut werden im Lauf der Handlung klar — letzten Endes ist er Täter und Opfer zugleich). Neben dieser Familiengeschichte aus dem Post-Brexit-England gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielt. Hier begegnen wir dem heute 104 Jahre alten, damals jungen Lebensmittelhändler Daniel Gluck, der im Sommer 1940 ebenso wie sein Vater wegen seiner deutschen Abstammung von der britischen Regierung als „Feindstaatenausländer“ in einem Lager interniert wird. Kurioserweise finden sich unter den Mithäftlingen viele deutschstämmige Juden, die den Briten als Nazis oder zumindest als deren Sympathisanten gelten. Als Bindeglied zwischen den Figuren der beiden Stränge fungieren die Blogger Charlotte und Art, die für ihre Webseite „Art in Nature“ stets auf der Suche nach kuriosen Geschichten von gesellschaftlichem Belang sind, die revolutionäre Kraft ihres Wirkens aber doch arg überschätzen.

Sommer ist, eine Straße wie die hier entlangzugehen, Licht und Dunkel vor sich. Denn Sommer ist nicht bloß eine fröhliche Geschichte. Weil es fröhliche Geschichten nicht gibt ohne das Dunkle.

Ali Smith: Sommer

Streckenweise ist „Sommer“, das kein „typisches“ Sommerbuch ist (ebenso wenig waren die drei Vorgänger Frühlings-, Herbst- oder Winterbücher, wenn es so etwas überhaupt gibt), wütend und pointiert, ohne dabei aber ins Zynische zu kippen. Daraus, dass Ali Smith die gegenwärtigen Verhältnisse auf der Welt und erst recht in Großbritannien nicht gefallen, macht sie keinen Hehl. Trotzdem überwiegt aber das Hoffnungsvolle. Die Beschäftigung mit der Kunst, der Literatur, dem Film und nicht zuletzt der Wissenschaft — das ist die Essenz dieses großartig geschriebenen, anspielungsreichen Romans — hat die Kraft, uns selbst durch die dunkelsten Zeiten zu tragen. Und genau dazu leistet auch „Sommer“ seinen nicht unerheblichen Beitrag.

[Bonus-Tipp: Im Buch wird mehrmals die Filmemacherin Lorenza Mazzetti erwähnt. Friedemann Fromms berührender Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ über sie und ihre Schwester Paola ist unbedingt sehenswert.]

  • Ali Smith: Sommer (aus dem Englischen von Silvia Morawetz; Luchterhand Verlag; ISBN: 978-3-630-87581-1).

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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