Tödlicher Literaturbetrieb

Ein kniffliger neuer Fall für Gunnar Barbarotti: In „Schach unter dem Vulkan“ muss der Kommissar aus dem fiktiven westschwedischen Städtchen Kymlinge herausfinden, was es mit dem rätselhaften Verschwinden dreier Autoren auf sich hat. Ein Fest für alle Freundinnen und Freunde von Håkan Nesser, der einmal mehr zu Hochform aufläuft.

Im Herbst 2019 verschwinden binnen kurzer Zeit der Romancier Franz J. Lunde und die Lyrikerin Maria Green nach Lesungen in der Gegend von Kymlinge spurlos. Außer dem ausgebrannten Auto Lundes, das in einem Wald gefunden wird, gibt es kaum Spuren, die auf Gewaltverbrechen hindeuten. Allerdings wurden die beiden Vermissten in den Wochen vor ihrem Verschwinden offenbar bedroht, wie unvollendete Manuskripte nahelegen, die die beiden hinterlassen haben. Ansonsten tappt die Polizei komplett im Dunklen, was zur tristen Gesamtstimmung passt. Ein grauer Herbst geht gerade in einen kalten Winter über und Gunnar Barbarotti, dessen Beziehung zu Eva Backman kriselt, droht ein einsames Weihnachtsfest in der Villa Pickford.

Am Ende des tristen Winters macht sich zu allem Überfluss auch noch Corona breit, aber immerhin kommt ein wenig Bewegung in den festgefahrenen Fall. Mit dem brillanten Intellektuellen und gefürchteten Kritiker Jack Walde verschwindet in Stockholm ein weiterer Schriftsteller. Ein Manuskript hat er zwar nicht hinterlassen, aber auch er wurde allem Anschein nach bedroht. Mit der Zeit fügen sich die einzelnen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammen — zur endgültigen Aufklärung des Falles trägt allerdings erst ein Leichenfund bei.

Psychologische Spannung statt plumper Gewalt

Auch der siebte (oder achte, zählt man „Der Verein der Linkshänder“, in dem Barbarotti und sein „Vorgänger“ Van Veeteren gemeinsam ermitteln, dazu) Auftritt von Gunnar Barbarotti ist wieder ein klassischer Krimi aus der Feder des schwedischen Großmeisters Håkan Nesser. „Schach unter dem Vulkan“, etwas rasanter und ereignisreicher als der sehr betuliche Vorgänger „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“, kommt nahezu komplett ohne Gewalt und Action aus, dafür besticht auch dieser Fall wieder mit psychologischer Spannung und der Frage nach Schuld und Sühne. Zudem ist der Roman erstaunlich nah am Zeitgeschehen — und das nicht nur, weil er zum Teil während der Pandemie spielt. Jack Walde, einer der Vermissten, schreibt unter einem weiblichen Pseudonym mit immensem Erfolg blutrünstige Erotikthriller. Ganz ähnlich also wie in der realen Welt das jüngst enttarnte spanische Autorentrio hinter der mysteriösen Carmen Mola, was für Håkan Nessers gutes Gespür und Kenntnis des Literaturbetriebs spricht.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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2 Kommentare zu „Tödlicher Literaturbetrieb

  1. Hm, ich habe schon lange keinen Barbarotti mehr gelesen, obwohl ich die ersten Bände der Reihe sehr mochte – so wie Du schwärmst, wäre es vielleicht wieder mal an der Zeit… Danke für den Beitrag und die Anregung und herzliche Herbstgrüße!

    1. Ja, vielleicht — das ist auf jeden Fall einer der stärkeren Fälle der Barbarotti-Reihe. Am besten von Hakan Nesser gefallen hat mir in den letzten Jahren aber „Der Fall Kallmann“. Das Buch kann ich wirklich uneingeschränkt empfehlen.

      Grüße aus dem dichten Nebel!

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