Streifzüge durch New York

Mein letzter Besuch in New York im Spätsommer 2004 liegt zwar bereits eine halbe Ewigkeit zurück, aber trotzdem sind viele Erinnerungen an Orte, Menschen und Ereignisse nach wie vor präsenter als die Eindrücke einiger deutlich jüngerer Reisen. Überhaupt weckt das Stichwort „New York“ (gemeint ist damit natürlich in der Regel Manhattan oder höchstens noch ein kleiner Teil Brooklyns) bei den allermeisten Menschen Assoziationen — egal, ob sie selbst schon einmal dort waren oder die Stadt lediglich aus den unzähligen Filmen, Serien und Büchern kennen, deren Handlung im Big Apple spielt.

Die Besonderheiten der „Stadt der Städte“ ergründete der gebürtige New Yorker Colson Whitehead bereits 2003 in seinem Buch „Der Koloß von New York“, das in der Übersetzung von Nikolaus Stingl nun auch in einer aktuellen Taschenbuchausgabe erhältlich ist. Sicher ist die Neuausgabe zum Teil dem großen Erfolg des zweifachen Pulitzer-Preisträgers geschuldet, was aber nicht bedeutet, dass sich die Lektüre nicht lohnt.

Über New York zu reden ist eine Art und Weise, über die Welt zu reden.

Colson Whitehead: Der Koloß von New York

Trotz der fast zwei Jahrzehnte (im sich ständig wandelnden New York eine immense Zeitspanne), die das schmale Buch inzwischen auf dem Buckel hat, wirkt „Der Koloß von New York“ erstaunlich frisch. Das liegt vor allem daran, dass sich Colson Whitehead seinem Thema nicht wie ein Reporter nähert, dem es um die Beschreibung aktueller Zustände geht, sondern als Literat mit einem gewissen Anspruch an Allgemeingültigkeit. Die Figuren, die in den dreizehn Miniaturen auftauchen, bleiben namenlos und sind vermutlich zum größten Teil fiktiv, wobei man dann und wann den Autor selbst zu erkennen glaubt.

Das Buch beginnt am leicht verranzten Port Authority Bus Terminal, wo die übersteigerten Hoffnungen der Neuankömmlinge gleich einmal einen Dämpfer erfahren, und endet mit dem Abflug am JFK Airport. Dazwischen erleben wir, wie der geschäftige Lärm der Müllmänner einen neuen Tag einläutet, kommen in den zweifelhaften Genuss einer Fahrt mit der Subway und begegnen einem Mann, der einmal im Jahr den Broadway in voller Länge herunterspaziert — immerhin 25 Kilometer sind das. Wir werden von den grellen Werbetafeln des Times Square überfordert, verbringen — kritisch beäugt von einer (obdachlosen?) Frau, die Tauben füttert — den ersten schönen Frühlingstag im Central Park und erleben, wie ein plötzlich einsetzender Regenguss die Stimmung auf den Straßen Manhattans schlagartig verändert.

Nicht alle Kapitel sind so grandios gelungen wie die Regen-Episode, aber große Sehnsucht nach New York weckt Colson Whitehead allemal. Vielleicht wäre 2024, zwanzig Jahre nach dem letzten Mal, ja ein guter Zeitpunkt für ein Wiedersehen?

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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2 Kommentare zu „Streifzüge durch New York

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