Kurz rezensiert, Folge 1

Was für ein literarisches Debüt im zarten Alter von 73 Jahren! Der renommierte Schauspieler Edgar Selge erzählt in seinem autofiktionalen Roman „Hast du uns endlich gefunden“ von seiner Kindheit in den 1950er und frühen 1960er Jahren. Der Vater, ein Jurist und Gefängnisdirektor, gefällt sich in der Rolle des schöngeistigen, musikbegeisterten Bildungsbürgers, ist aber zugleich ein äußerst impulsiver und jähzorniger Zeitgenosse. Die feinfühlige, gesundheitlich angeschlagene Mutter opfert sich auf für die von einigen Schicksalsschlägen gebeutelte Familie, obwohl Ehe und Kinderkriegen nie ihr großer Traum waren. Außerdem sind die dunklen Schatten der noch nicht allzu lange vergangenen NS-Zeit nach wie vor allgegenwärtig, was immer wieder zu Konflikten zwischen den älteren Söhnen und dem Vater führt — der störrische Edgar versteht es gekonnt, diese Streitigkeiten mit gezielten Sticheleien weiter anzufachen.

Das ganze Leben ist eine zerbrechliche Konstruktion, das wissen wir jetzt und dürfen uns darüber wundern, dass wir das immer wieder vergessen.

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

„Hast du uns endlich gefunden“ ist ein großartig geschriebenes, ebenso erschütterndes wie zärtliches und humorvolles Buch über das Erwachsenwerden, die Schicksalsgemeinschaft einer Familie und späte Versöhnung. Unbedingt lesen!

***

Thomas Mullens „Darktown“-Trilogie gehört zweifelsohne zu den interessantesten Krimireihen der letzten Jahre. Weniger, weil die gelösten Fälle so spektakulär sind (spannend und voller Wendungen sind sie natürlich trotzdem), sondern vor allem, weil die Bücher großartige Porträts einer Zeit voller Umbrüche sind. „Darktown“, der erste Band, setzt im Jahr 1948 ein, als in Atlanta gerade die ersten Schwarzen Streifenpolizisten ihren Dienst antreten und sich mit korrupten weißen Polizeibeamten, offen zur Schau getragenem Rassismus und Vorbehalten aus der eigenen Community auseinandersetzen müssen.

Der letzte Teil der Reihe, „Lange Nacht“, spielt im Jahr 1956 und dreht sich um den Mord am Verleger der größten Schwarzen Tageszeitung Atlantas, bei der Tommy Smith (in den ersten beiden Bänden ist er noch als Gesetzeshüter auf den Straßen unterwegs) inzwischen als Reporter angeheuert hat. Die Jim-Crow-Gesetze spielen bei der Aufklärung des Falles ebenso eine Rolle wie die Kommunistenverfolgung der ausgehenden McCarthy-Ära. Außerdem wird die dank Martin Luther King und dem Busboykott von Montgomery langsam größer werdende Bürgerrechtsbewegung thematisiert, am Rande werden das auch von Bob Dylan besungene Schicksal des jungen Emmett Till und das aus dem gleichnamigen Film bekannte „Green Book“ erwähnt. Schade, dass „Darktown“ mit „Lange Nacht“ endet, denn auch aus den folgenden Jahren hätte es noch viel zu erzählen gegeben.

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