Kurz rezensiert, Folge 2

J. R. Moehringers Memoir „Tender Bar“ stand mehrere Jahre ungelesen und beinahe vergessen in meinem Regal. Erst George Clooneys Verfilmung (die ich bisher noch nicht gesehen habe) ermunterte mich, den Roman doch endlich einmal zu lesen. Und was soll ich sagen: Es wäre eine Schande gewesen, hätte dieses wundervolle Buch noch länger unbeachtet herumgestanden.

„Tender Bar“ ist in erster Linie ein autobiographischer Coming-of-Age-Roman über den jungen J. R. Moehringer, der in einer etwas chaotischen Patchworkfamilie auf Long Island aufwächst, später in Yale studiert und als Nachwuchs-Reporter bei der New York Times anheuert. Ein beachtlicher Aufstieg, der ihn aber nicht recht glücklich macht. Ein Platz, an dem er sich allerdings immer geborgen fühlt und an dem er mehr über das Leben und sich selbst lernt als an jeder Eliteuni, ist das „Publicans“, die Bar, in der sein Onkel Charlie hinter dem Tresen steht.

Von den liebenswerten, ebenso schrägen wie lebensklugen Gestalten, die die Bar bevölkern, kann man auch als Leser*in jede Menge lernen, so dass es am Ende schwerfällt, diesen warmherzigen, bittersüßen und humorvollen Roman aus der Hand zu legen.

Jedes Buch ist ein Wunder. Jedes Buch repräsentiert einen Augenblick, in dem jemand ruhig – und diese Ruhe ist zweifellos ein Teil des Wunders – dasaß und versucht hat, dem Rest von uns eine Geschichte zu erzählen.

J. R. Moehringer: Tender Bar

***

Die Bücher des Norwegers Jørn Lier Horst gehören seit ein paar Jahren zu meinen bevorzugten Kriminalromanen aus dem hohen Norden. Zum einen, weil sie mit Kommissar William Wisting einen sehr sympathischen Protagonisten haben, der keineswegs ohne Fehler ist, sich aber nicht in die Riege der zynischen, vom Leben schwer gebeutelten Persönlichkeiten einreiht, die sonst gerne in skandinavischen Krimis ermitteln. Zum anderen, weil sie so gut geschrieben und klug aufgebaut sind, dass sie ganz ohne bizarre Ritualmorde und drastische Gewaltszenen jede Menge Spannung aufbauen.

„Eisige Schatten“, im Original 2013 erschienen und nun neu aufgelegt (deutsche Übersetzung von Andreas Brunstermann), gehört zu den stärksten Bänden der Reihe. Mehr oder weniger durch einen Zufall kommt die Polizei einem seit fast 20 Jahren abgetauchten amerikanischen Serienmörder auf die Spur, der sich in Norwegen im Leben eines Anderen „eingenistet“ und lange völlig unbemerkt weitergemordet hat. Neben der dramatischen, fintenreichen Jagd auf den Täter beschäftigt sich der Roman auch mit gesellschaftlichen Fragen. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Menschen zwar mitten unter uns leben, aber so einsam und für andere unsichtbar sind, dass niemand ihr Verschwinden bemerkt? Eine große Leseempfehlung!

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