Jan Costin Wagner: Am roten Strand

In seinem ersten Fall „Sommer bei Nacht“ ließ das Ermittlungsteam um Ben Neven bei der Suche nach einem vermissten Fünfjährigen ein Netzwerk von Männern auffliegen, die sich über viele Jahre hinweg des Kindesmissbrauchs in seiner schlimmsten Form schuldig gemacht hatten. Da Jan Costin Wagner in seinem neuen Kriminalroman direkt an die Ereignisse des preisgekrönten Vorgängers anknüpft, ist es durchaus sinnvoll, die beiden Bände nacheinander zu lesen. Nach einer kurzen Orientierungsphase findet man sich aber auch ohne genauere Kenntnis des ersten Falls schnell in „Am roten Strand“ zurecht.

Der Kopf des Missbrauchs-Netzwerks sitzt inzwischen in Untersuchungshaft, nach weiteren Mitgliedern wird fieberhaft gefahndet. Der mutmaßliche Administrator des Chatforums, in dem schrecklichste Bilder und Videos getauscht wurden, wird unmittelbar vor seiner Verhaftung vergiftet, ein anderer Tatverdächtiger beim Joggen in einem Park erstochen. Mehrere Motive sind für die Polizei denkbar: Entweder wollte sich ein inzwischen erwachsenes, ehemaliges Opfer an den Männern rächen, oder ein Mitglied des Netzwerks wollte die beiden zum Schweigen bringen, ehe sie weitere Mittäter enttarnen und belasten. Egal, welche Theorie zutrifft, stecken die Ermittlerinnen und Ermittler in einer Zwickmühle. Sie müssen Männer schützen, die selbst schwere Schuld auf sich geladen haben und vor deren unentschuldbaren Taten sie sich ekeln. Für Ben Neven selbst tut sich aber noch ein ganz anderes Problem auf. Bei der Durchsicht des für andere nur schwer erträglichen Beweismaterials findet er heraus, dass ihn einige der Darstellungen keineswegs so sehr abstoßen, wie sie es eigentlich sollten…

Täter, die zu Opfern werden, Opfer, die zu Tätern werden, Polizisten, die nicht wissen, auf welcher Seite sie eigentlich stehen, unscheinbare Familienväter, die monströse Verbrechen begehen und schwer traumatisierte Betroffene von Kindesmissbrauch: „Am roten Strand“ ist ein Krimi, der seinen Leserinnen und Lesern einiges zumutet. Uneingeschränkt empfehlenswert ist das Buch deshalb nicht unbedingt, denn man muss sich schon genau überlegen, ob man sich auf die bedrückende Thematik einlassen möchte. Falls ja, bekommt man trotz der etwas vorhersehbaren Auflösung einen hervorragenden, dank der kurzen Abschnitte und ständig wechselnden Erzählperspektiven temporeichen Roman zu lesen, mit dem Jan Costin Wagner einmal mehr seinen Ruf als einer der besten deutschen Krimiautoren untermauert. Ein schlichtes Gut-Böse-Schema sucht man in „Am roten Strand“ ebenso wie allzu explizite Gewaltdarstellungen vergebens — vielmehr lauert das Grauen im Hintergrund und nicht zuletzt verborgen hinter dem ersten Anschein nach bürgerlichen Fassaden.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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