Volker Widmann: Die Molche

Ein fränkisches Dorf, Anfang der 1960er Jahre: Der elfjährige Max und vor allem sein verträumter jüngerer Bruder haben es als Zugezogene nicht leicht unter den oft recht vierschrötigen Alteingesessenen. Gerade die Bande um den brutalen Tschernik macht den beiden das Leben zuweilen zur Hölle. An einem Wintertag kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Jüngere, von Tschernik und seinen Freunden in eine Ecke getrieben, wird von einem Stein am Kopf getroffen und bricht tot zusammen. Dass er nicht den Mut hatte, seinem Bruder zur Hilfe zu eilen, macht Max mindestens genauso schwer zu schaffen, wie die Reaktion der Erwachsenen auf diesen schrecklichen Vorfall. Alle, einschließlich der eigenen Eltern, sind sich einig, dass eben eine harmlose Balgerei zwischen Jungs zu einem tragischen Unglück geführt hat. Immerhin hatte der zu Tode gekommene Bub ja schon immer ein schwaches Herz…

Überhaupt sind die Erwachsenen in Volker Widmanns Debütroman „Die Molche“ wahre Meister darin, nicht genau hinzusehen und Unbequemes einfach totzuschweigen. Die Mütter sind in allererster Linie für Heim und Herd zuständig, die Väter entweder nicht da (so wie Max‘ Vater, der an einem Forschungsinstitut in der Stadt arbeitet und nur an den Wochenenden zur Familie ins Dorf kommt) oder vom Krieg physisch und psychisch schwer gezeichnete Gestalten, die sich für ihre Kinder höchstens dann interessieren, wenn es darum geht, sie zu züchtigen. Mit ihren Sorgen und Nöten sind die Kinder weitgehend alleine, Probleme und Streitigkeiten müssen sie selbst untereinander regeln. So geht es auch Max, der sich nach dem Tod des Bruders zuerst zurückzieht und später beschließt, zusammen mit seinen neu gewonnenen Freunden Heinz und Rudi sowie der unerschrockenen Marga etwas gegen Tschernik zu unternehmen.

Mit „Die Molche“ ist dem 1954 geborenen Volker Widmann ein leiser, aber eindringlich erzählter Coming-of-Age-Roman geglückt, der zuweilen an (Film-) Klassiker wie „Krieg der Knöpfe“ oder „Stand By Me“, aber auch an Paul Maars großartige Kindheitserinnerungen „Wie alles kam“ denken lässt. Natürlich spielt der entscheidende Teil der Handlung im Sommer, denn die einschneidenden Dinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden passieren bekanntlich immer im Sommer, ehe dann im Herbst alles anders ist.

Die Thematik um Freundschaft, Zusammenhalt und die erste Liebe wurde natürlich bereits mehr als ausgiebig erzählt, aber nicht zuletzt dank der wunderbaren Naturbeschreibungen (ähnlich gekonnt hat die flirrende Atmosphäre endloser Sommertage zuletzt Ewald Arenz in „Der große Sommer“ eingefangen) und der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration ist „Die Molche“ eben doch weit mehr als nur eine weitere Momentaufnahme aus der verwirrenden Zeit kurz vor der noch viel verwirrenderen Pubertät. Ein äußert lesenswerter Roman!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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