Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Zwei Handlungsstränge, zwischen denen mehr als 600 Jahre liegen, verwebt Klara Jahn (eines der gleich mehreren Pseudonyme der Autorin Julia Kröhn, die als Klara Jahn bereits „Die Farbe des Nordwinds“ veröffentlicht hat) in „Das Lied des Waldes“ gekonnt zu einem stimmungsvollen, kurzweiligen Ganzen. Im 14. Jahrhundert begegnen wir der jungen Patriziertochter Anna Stromer, die sich als Achtjährige im Nürnberger Reichswald verirrt, Bekanntschaft mit einer Einsiedlerin schließt und fortan ein ganz besonderes Verhältnis zum Wald entwickelt. Entgegen der damals landläufigen Meinung, dass der Wald beliebig gerodet und ausgebeutet werden kann, wächst die ruhige, wissbegierige Einzelgängerin zu einer frühen Umweltschützerin und Pionierin in Sachen nachhaltiger Nutzung natürlicher Ressourcen heran. Mit viel Eifer und Leidenschaft wird sie zu einer Vorreiterin auf dem Gebiet der Aufforstung und überzeugt sogar ihren geschäftstüchtigen Vater, sich von der holzintensiven Waffenproduktion abzuwenden und stattdessen die erste Papiermühle nördlich der Alpen zu eröffnen. Von den öden Monokulturen, die die geplante „Waldsaat“ eines Tages mit sich bringen würde, konnte Anna zu ihrer Zeit natürlich ebenso wenig ahnen wie von dem Umstand, dass die für die Papierherstellung benötigten Lumpen bald so knapp werden würden, dass man sich nach neuen Ausgangsmaterialien für Papier umschauen und ausgerechnet im Wald fündig werden würde.

Es heißt, man verliere den Verstand, wenn man zu lange allein im Wald ist. Ich jedoch glaube, man findet den Verstand nur in der Stille.

Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Protagonistin der in der Gegenwart spielenden Teils des Romans ist die Mittvierzigerin Veronika, die nach dem Tod der Mutter in den Nürnberger Reichswald zurückkehrt, um das Forsthaus ihrer Eltern nebst des dazugehörigen Waldstücks möglichst schnell zu verkaufen. Möglichst schnell deshalb, weil sie dringend Geld braucht: Ihren Job als PR-Managerin in einer großen Agentur hat sie gerade verloren und wegen des Auszugs der Tochter sowie einer der Midlifecrisis ihres Mannes geschuldeten Ehekrise stehen gravierende berufliche wie private Umbrüche bevor. Die eigentlich rein geschäftliche Rückkehr in die Umgebung ihrer Kindheit wird aber schnell zu einer Reise in die Vergangenheit, auf der Veronika schnell mit einigen unbequemen Fragen konfrontiert wird. Konnte es ihr damals nicht schnell genug gehen, nach dem Abitur nach Frankfurt zu ziehen und eine glänzende Karriere anzustreben, fragt sie sich heute, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie nicht alle ihre früheren Überzeugungen und ihre Jugendliebe Martin hinter sich gelassen hätte. Neben den „Geistern der Vergangenheit“ tauchen, nachdem sich herumgesprochen hat, dass Veronikas bevorzugter Kaufinteressent auch in der ressourcenintensiven Papierproduktion tätig ist, bald ganz handfeste aktuelle Probleme in Person von Waldbesetzern auf.

Durch die Gliederung in zwei parallele, abwechselnd erzählte und eher lose miteinander verknüpfte Handlungsstränge sowie die Grundthematik erinnert „Das Lied des Waldes“ ein wenig an Maja Lundes „Klimaquartett“-Romane, wobei bei Klara Jahn das dystopische Element fehlt, wodurch die Geschichte etwas weniger reißerisch und dringlich wirkt. Die ruhige Erzählweise ist aber kein Nachteil, denn auch ohne größere Knalleffekte hört man dem „Lied des Waldes“ gerne zu. Schöne Naturbeschreibungen, interessante Exkurse in die Geschichte der Papierherstellung und des Forstwesens sowie ins Nürnberg des Spätmittelalters, gepaart mit der Erkenntnis, dass sich vermeintlich gute Entscheidungen manchmal erst viel später als Fehler herausstellen, machen diesen Roman äußerst lesenswert

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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